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S53Schwestertugend zu Regeltreue

Urteils­kraft

„Ich entscheide im Einzelfall nach Sinn und Zweck – und stehe dafür ein.“

Die Regel kennen und ihren Zweck verstehen – und im Einzelfall so entscheiden, dass dieser Zweck erreicht wird: Spielräume nutzen, Abwägungen offenlegen und für die Entscheidung geradestehen, auch wenn sie von der gewohnten Linie abweicht.

Ein goldener Punkt am Durchgang sieht sich jeden an, der kommt, und legt einem großen Sonderfall eigens einen Weg. Entscheidet er nach Laune, werden Gleiche zurückgewiesen oder in alle Richtungen geschickt und die Reihe zerfällt – bis Schienen und ein Tor den Rahmen setzen, in dem er abwägt.
Kurz gesagt

Ich entscheide im Einzelfall nach Sinn und Zweck – und stehe dafür ein.

Was Urteilskraft bedeutetDie Regel kennen und ihren Zweck verstehen – und im Einzelfall so entscheiden, dass dieser Zweck erreicht wird: Spielräume nutzen, Abwägungen offenlegen und für die Entscheidung geradestehen, auch wenn sie von der gewohnten Linie abweicht.

Umfasst auchUrteilsvermögenUnterscheidungsvermögenEinzelfallgerechtigkeit

Die Wertematrix

Urteilskraft im Gleichgewicht

Urteilskraft braucht Regeltreue als Gegengewicht. Zu viel Urteilskraft wird zu Willkür – der Weg zurück führt über Regeltreue.

In Balance

Begriffe erklärt

Schwestertugend S53

Urteils­kraft

„Ich entscheide im Einzelfall nach Sinn und Zweck – und stehe dafür ein.“

auch Ermessen, Abwägungs­ver­mögen

Gemeint ist die Fähigkeit, eine allgemeine Regel klug auf den besonderen Fall anzuwenden, Spielräume verantwortet zu nutzen und dort abzuwägen, wo die Regel den Fall nicht trifft. Anders als die Weisheit, die Wissen, Erfahrung und Werte in jeder Lage zu einem guten Urteil verbindet, geht es hier um eine bestimmte Aufgabe: eine allgemeine Regel auf den Einzelfall anzuwenden und Abweichungen zu begründen; anders als Beweglichkeit (sich auf Neues einstellen) um eine begründete Entscheidung; und anders als Barmherzigkeit nicht um Milde – das richtige Urteil im Einzelfall kann auch strenger ausfallen als die Regel. Hilfreich, weil keine Regel alle Fälle vorhersieht.

In Balance mit: Regeltreue. Zu viel davon: Willkür. Verneint durch: Bürokratismus.

Zielwert 53

Regeltreue

„Ich halte Regeln ein und setze sie für alle gleich durch.“

auch Compliance, Normtreue

Gemeint ist, geltende Gesetze, Regeln und Verfahren einzuhalten, ihre Einhaltung einzufordern und Ausnahmen nicht nach Rang, Nähe oder Laune zu verteilen. Anders als Integrität (Worte und Taten stimmen überein) und Verlässlichkeit (eigene Zusagen halten) geht es um gemeinsame Regeln, die für alle gelten. Gerechtigkeit fragt, ob eine Entscheidung fair ist und niemanden bevorzugt – Regeltreue sorgt dafür, dass geltende Regeln verbindlich eingehalten werden, auch dort, wo man sie selbst anders gefasst hätte. Struktur ordnet Abläufe, Regeltreue hält sie verbindlich. Hilfreich, weil gleiche Regeln für alle Fairness schaffen, Macht begrenzen und Vertrauen ermöglichen.

In Balance mit: Urteilskraft. Zu viel davon: Bürokratismus. Verneint durch: Willkür.

Zur Seite Regeltreue

Übertreibung von Urteilskraft

Willkür

„Ich entscheide, wie es mir passt.“

auch Gutsherrenart, Selbst­herr­lichkeit

Verneinung der Regeltreue und zugleich überzogene Urteilskraft. Grenzwertig, weil Entscheidungen von Laune, Nähe oder Vorteil abhängen und niemand mehr weiß, woran er ist.

Übertreibung von: Urteilskraft. Verneinung von: Regeltreue. Entwicklungsrichtung: Regeltreue.

Übertreibung von Regeltreue

Büro­kratismus

„Vorschrift ist Vorschrift.“

auch Formalismus, Dienst nach Vorschrift

Verneinung der Urteilskraft und zugleich überzogene Regeltreue. Grenzwertig, weil die Regel über ihren Zweck gestellt wird, Menschen am Formular scheitern und niemand mehr Verantwortung für das Ergebnis übernimmt.

Übertreibung von: Regeltreue. Verneinung von: Urteilskraft. Entwicklungsrichtung: Urteilskraft.

Vertiefung

Die Wertematrix im Detail

Sechs Themen zum Aufklappen – je nachdem, wie tief du einsteigen möchtest.

Die BegriffeUrteilskraft · Regeltreue · Willkür · Bürokratismus

Schwestertugend

Urteils­kraft

auch Ermessen · Abwägungsvermögen

Gemeint ist die Fähigkeit, eine allgemeine Regel klug auf den besonderen Fall anzuwenden, Spielräume verantwortet zu nutzen und dort abzuwägen, wo die Regel den Fall nicht trifft. Anders als die Weisheit, die Wissen, Erfahrung und Werte in jeder Lage zu einem guten Urteil verbindet, geht es hier um eine bestimmte Aufgabe: eine allgemeine Regel auf den Einzelfall anzuwenden und Abweichungen zu begründen; anders als Beweglichkeit (sich auf Neues einstellen) um eine begründete Entscheidung; und anders als Barmherzigkeit nicht um Milde – das richtige Urteil im Einzelfall kann auch strenger ausfallen als die Regel. Hilfreich, weil keine Regel alle Fälle vorhersieht.

Zielwert

Regeltreue

auch Compliance · Normtreue

Gemeint ist, geltende Gesetze, Regeln und Verfahren einzuhalten, ihre Einhaltung einzufordern und Ausnahmen nicht nach Rang, Nähe oder Laune zu verteilen. Anders als Integrität (Worte und Taten stimmen überein) und Verlässlichkeit (eigene Zusagen halten) geht es um gemeinsame Regeln, die für alle gelten. Gerechtigkeit fragt, ob eine Entscheidung fair ist und niemanden bevorzugt – Regeltreue sorgt dafür, dass geltende Regeln verbindlich eingehalten werden, auch dort, wo man sie selbst anders gefasst hätte. Struktur ordnet Abläufe, Regeltreue hält sie verbindlich. Hilfreich, weil gleiche Regeln für alle Fairness schaffen, Macht begrenzen und Vertrauen ermöglichen.

Übertreibung von Urteilskraft

Willkür

auch Gutsherrenart · Selbstherrlichkeit

Verneinung der Regeltreue und zugleich überzogene Urteilskraft. Grenzwertig, weil Entscheidungen von Laune, Nähe oder Vorteil abhängen und niemand mehr weiß, woran er ist.

Der Weg heraus: Richtung Regeltreue

Übertreibung von Regeltreue

Büro­kratismus

auch Formalismus · Dienst nach Vorschrift

Verneinung der Urteilskraft und zugleich überzogene Regeltreue. Grenzwertig, weil die Regel über ihren Zweck gestellt wird, Menschen am Formular scheitern und niemand mehr Verantwortung für das Ergebnis übernimmt.

Der Weg heraus: Richtung Urteilskraft

Die ÜbertreibungWann Willkür sinnvoll sein kann – und woran man den Unterschied erkennt

Die Übertreibung der Urteilskraft heißt Willkür (auch: Gutsherrenart, Selbstherrlichkeit). Im Führungsalltag schadet sie meist – in manchen Lagen ist sie aber angemessen:

Familie

Zwei Geschwister streiten zum dritten Mal an diesem Tag darüber, wer vorn im Auto sitzen darf. Die Mutter verzichtet auf jede Regel und jede Begründung: „Heute sitzt die Ältere vorn, weil ich es sage.“ Bei einer Kleinigkeit, bei der jede Lösung fair genug ist, beendet ein Machtwort den Streit schneller als jedes Gerechtigkeitsprinzip.

Kunst, Kultur & Sport

Die Jury eines Musikwettbewerbs vergibt am Ende zusätzlich einen Sonderpreis, für den es keine Kriterien gibt. Sie entscheidet ganz nach eigenem Geschmack für eine Band, die in keiner Kategorie gewonnen hat. Weil alle wissen, dass dieser Preis freie Wahl ist, wird er als Geschenk verstanden – nicht als Urteil über die anderen.

Woran man den Unterschied erkennt

Freie Entscheidung ohne Begründung trägt, wenn es um wenig geht, niemand einen Anspruch hat und alle wissen, dass hier frei entschieden wird. Sie wird zur Willkür, sobald Menschen auf gleiche Behandlung vertrauen dürfen – bei Geld, Noten, Stellen oder Strafen – und das Ergebnis von Laune oder Nähe abhängt.

Der Alltag5 Szenen aus dem Alltag: Medien · Bildung · Glaube & Kirche · Kunst, Kultur & Sport · Familie
Die HerkunftPhilosophie · Neues Testament · Christliche Tradition

Dass Urteilskraft Regeltreue als Gegengewicht braucht, ist keine neue Idee. Diese Stationen zeigen, wo Menschen das schon lange vor uns beschrieben haben – von den ältesten Quellen bis heute.

Weitere Quellen zu diesem Wertepaar stehen auf der Seite Regeltreue.

  1. 4. Jh. v. Chr.
    Philosophie
    Aristoteles

    Billig ist, wer das Recht nicht „zu Ungunsten Anderer auf die Spitze treibt“, sondern „vom Rechte, ob es ihm gleich beisteht, nachzulassen weiß“, Nikomachische Ethik V 14

  2. 1. Jh.
    Neues Testament
    Johannes 7,24

    „Richtet nicht nach dem Ansehen, sondern richtet ein rechtes Gericht.“ Jesus sagt das im Streit um eine Heilung am Sabbat: Wer urteilt, soll auf die Sache sehen, nicht auf den äußeren Schein.

    Matthäus 23,23

    Jesus wirft den Schriftgelehrten und Pharisäern vor, sie verzehnteten „die Minze, Dill und Kümmel“ und ließen „dahinten das Schwerste im Gesetz, nämlich das Gericht, die Barmherzigkeit und den Glauben“ – und fügt hinzu: „Dies soll man tun und jenes nicht lassen.“ Urteilskraft verliert die Kleinigkeiten nicht aus dem Blick, verwechselt sie aber nicht mit der Hauptsache.

    Hebräer 5,14

    „Den Vollkommenen aber gehört starke Speise, die durch Gewohnheit haben geübte Sinne zu unterscheiden Gutes und Böses.“ Urteilskraft wächst durch Übung.

  3. 13. Jh.
    Christliche Tradition
    Thomas von Aquin

    Die Billigkeit ist „gewissermaßen eine höhere Regel der menschlichen Handlungen“ und gibt das Maß an für die Befolgung der Worte des Gesetzes; mit Aristoteles hält er den für besser, der auf den Sinn des Gesetzes achtet, als den, der sich an den bloßen Wortlaut klammert, Summa Theologiae II-II q. 120 a. 2

  4. 1926–2016
    Wertematrix
    Hartmann · Helwig · Schulz von Thun · WEGVISOR

    Nicolai Hartmann legt 1926 den Grundgedanken, Paul Helwig gibt dem Wertequadrat seine Gestalt, Friedemann Schulz von Thun macht es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt, WEGVISOR entwickelt daraus 2016 die Wertematrix für Führung.

    Zur Geschichte der Wertematrix
Die Forschung1 Studie · 2014 · mit Grenzen der Forschung
1 Studie2014 Jahr
  1. 2014
    Befragung

    Tummers und Bekkers befragten 1.317 Fachleute aus Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, die in den Niederlanden ein neues Abrechnungssystem umsetzen mussten. Wer bei der Umsetzung Ermessensspielraum erlebte, hielt die neue Regelung eher für sinnvoll für die eigenen Klientinnen und Klienten und war eher bereit, sie umzusetzen – teils direkt, teils über diesen erlebten Nutzen. Spielraum macht Regeln also eher annehmbar, als dass er sie schwächt. Urteilskraft braucht deshalb Regeln, Daten und Checklisten als Geländer – und die Demut, ihnen dort zu folgen, wo sie verlässlicher sind als das eigene Gefühl.

    Tummers & Bekkers, 2014
Wo die Forschung an Grenzen stößt

Die Grenze zeigt eine Metaanalyse zu Vorhersagen über Gesundheit und Verhalten: Formelbasierte, „mechanische“ Vorhersagen waren im Schnitt etwa zehn Prozent genauer als das Urteil von Fachleuten; in 33 bis 47 Prozent der Studien waren sie deutlich besser, das menschliche Urteil nur in 6 bis 16 Prozent (Grove, Zald, Lebow, Snitz & Nelson, 2000).

Die FragenYOUR HEART · 3 Fragen an dich
  1. Wo versteckst du dich hinter einer Vorschrift, statt eine Entscheidung zu treffen, die du verantworten müsstest?
  2. Wenn du eine Ausnahme machst – könntest du den Grundsatz dahinter jedem im Team erklären?
  3. Und wen fragst du, ob dein „Augenmaß“ in Wahrheit Vorliebe für bestimmte Menschen ist?

Nimm dir Zeit für eine Frage. Schreib die Antwort auf – oder sprich mit jemandem darüber, dem du vertraust.

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Welche Werte tragen deine Führung?

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Wertewappen

Urteilskraft im Wappen

Farbe im Wappen: Schwarz

  • SymbolSchwert Salomos

    Ein waagerecht gelegtes Schwert ruht, statt zu schlagen: Es steht für die Macht zu entscheiden, die mit Bedacht und Maß gebraucht wird. Wählst du es, steht dein Wappen für eine Führung, die im schwierigen Einzelfall genau hinsieht, bevor sie entscheidet.

  • oder als AlternativeDeichsel (Scheideweg)

    Die Deichsel ist ein Y-förmiges Heroldsbild: Ein Balken steigt vom Schildfuß auf und gabelt sich in zwei Arme, die zu den oberen Ecken laufen – wie ein Weg, der sich teilt. Sie steht für deine Führung, wenn du an der Gabelung nicht blind der Gewohnheit folgst, sondern prüfst, welcher Weg im konkreten Fall der richtige ist.

Drei bis sieben Kernwerte, jeder mit seinem Symbol: daraus entsteht dein persönliches Wappen – mit Wahlspruch und ausführlichem Report.

Wertewappen erstellen

Grundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung

Häufige Fragen

Fragen zu Urteilskraft

Was bedeutet Urteilskraft?

Die Regel kennen und ihren Zweck verstehen – und im Einzelfall so entscheiden, dass dieser Zweck erreicht wird: Spielräume nutzen, Abwägungen offenlegen und für die Entscheidung geradestehen, auch wenn sie von der gewohnten Linie abweicht. Der Ich-Satz dazu: „Ich entscheide im Einzelfall nach Sinn und Zweck – und stehe dafür ein.“

Zu welchem Zielwert gehört Urteilskraft?

Urteilskraft ist die Schwestertugend zu Regeltreue (53). Zum Zielwert: Gemeint ist, geltende Gesetze, Regeln und Verfahren einzuhalten, ihre Einhaltung einzufordern und Ausnahmen nicht nach Rang, Nähe oder Laune zu verteilen. Anders als Integrität (Worte und Taten stimmen überein) und Verlässlichkeit (eigene Zusagen halten) geht es um gemeinsame Regeln, die für alle gelten. Gerechtigkeit fragt, ob eine Entscheidung fair ist und niemanden bevorzugt – Regeltreue sorgt dafür, dass geltende Regeln verbindlich eingehalten werden, auch dort, wo man sie selbst anders gefasst hätte. Struktur ordnet Abläufe, Regeltreue hält sie verbindlich. Hilfreich, weil gleiche Regeln für alle Fairness schaffen, Macht begrenzen und Vertrauen ermöglichen.

Was ist die Übertreibung von Urteilskraft?

Willkür (auch: Gutsherrenart, Selbstherrlichkeit). Verneinung der Regeltreue und zugleich überzogene Urteilskraft. Grenzwertig, weil Entscheidungen von Laune, Nähe oder Vorteil abhängen und niemand mehr weiß, woran er ist.

Wann ist die Übertreibung sinnvoll?

Freie Entscheidung ohne Begründung trägt, wenn es um wenig geht, niemand einen Anspruch hat und alle wissen, dass hier frei entschieden wird. Sie wird zur Willkür, sobald Menschen auf gleiche Behandlung vertrauen dürfen – bei Geld, Noten, Stellen oder Strafen – und das Ergebnis von Laune oder Nähe abhängt.

Was sagt die Forschung zu Urteilskraft?

Tummers und Bekkers befragten 1.317 Fachleute aus Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie, die in den Niederlanden ein neues Abrechnungssystem umsetzen mussten. Wer bei der Umsetzung Ermessensspielraum erlebte, hielt die neue Regelung eher für sinnvoll für die eigenen Klientinnen und Klienten und war eher bereit, sie umzusetzen – teils direkt, teils über diesen erlebten Nutzen (Tummers & Bekkers, 2014).

Welche Beispiele gibt es für Urteilskraft?

Zum Beispiel: Aristides de Sousa Mendes (Generalkonsul Portugals in Bordeaux), Nordstrom (Modehaus, USA).

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Du kommst von: Urteilskraft (S53).