Werte
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Ursprung der Wertematrix

Woher die Werte­matrix kommt

Jede Tugend liegt zwischen einem Zuwenig und einem Zuviel – und eine Tugend bleibt nur gesund, wenn eine Partnertugend sie im Gleichgewicht hält.

4 Denkwege29 Werke im Zeitstrahl1926 erstes Wertequadrat
CHINA Buch der Urkunden 1. Jt. v. Chr. · Die Partnertugend INDIEN · SRI LANKA Buddhaghosa 5. Jh. · Naher und ferner Feind GRIECHENLAND · ROM Aristoteles 4. Jh. v. Chr. · Die Mitte JUDENTUM Maimonides um 1168 · Heilung über den GegenpolWertSchwesterÜbertreibungÜbertreibungWertematrix2016
Vier Denkwege aus Ost und West
In einem Satz

Die Wertematrix verbindet zwei Gedanken, die in Ost und West – in China und Indien, im Alten Testament und bei den Griechen – seit über 2.000 Jahren unabhängig voneinander auftauchen: Jede Tugend liegt zwischen einem Zuwenig und einem Zuviel – und eine Tugend bleibt nur gesund, wenn eine Partnertugend sie im Gleichgewicht hält. Nicolai Hartmann hat 1926 den Grundgedanken formuliert – Werte, die einander widerstreiten und doch zusammengehören –, Paul Helwig hat daraus 1936 in der Charakterkunde das Wertequadrat gemacht, Friedemann Schulz von Thun hat es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt gemacht, und WEGVISOR hat es 2016 mit dem Buch WORK HEARTER auf Unternehmer übertragen.

Vier Denkwege

Vier Denkwege, die im Quadrat zusammenlaufen

Jeder Weg hat in der Matrix seinen Ort: die unteren Felder, die Schlaufe, die Doppelregel unten und die Diagonale.

Die Mitte

Tugend liegt zwischen Mangel und Übermaß

Wo er in der Matrix stecktDie beiden unteren Felder als „zu wenig“ und „zu viel“

Vertreter
Prediger 7,16–18

Die Partnertugend

Eine Tugend braucht eine zweite, die sie ausbalanciert

Wo er in der Matrix stecktDie Schlaufe zwischen den beiden oberen Feldern

Vertreter
Psalm 85,11

Naher und ferner Feind

Jede Tugend hat ein Zerrbild, das ihr ähnlich sieht, und ein Gegenteil

Wo er in der Matrix stecktDie Doppelregel unten: Übertreibung (naher Feind) und Verneinung des diagonalen Werts (ferner Feind)

Vertreter

Heilung über den Gegenpol

Wer in einem Extrem festsitzt, übt eine Zeit lang bewusst das Gegenteil, bis er zur Mitte zurückfindet

Wo er in der Matrix stecktDie Diagonale als Entwicklungsrichtung: von der Übertreibung zur Schwestertugend

Vertreter
Zeitstrahl der Quellen

Drei Jahrtausende in einem Quadrat

Von den Neun Tugenden des Buchs der Urkunden bis WEGVISOR: Wähle einen Eintrag, um Werk, Beitrag zur Matrix, Herkunft und die Werte zu sehen, bei denen er genannt wird.

China2
Indien · Sri Lanka3
Griechenland · Rom2
Judentum10
Christliches Mittelalter1
Neuzeit · Moderne10
WEGVISOR1
Maßstab: ältere Epochen gestaucht · Linie = Zeitspanne
China1. Jt. v. Chr. (Überlieferung)Die Partnertugend

Buch der Urkunden (Shujing), Kapitel „Ratschläge des Gao Yao“

Beitrag zur Wertematrix: Neun Tugenden für Amtsträger, jede als Paar: „mild und doch fest“, „gerade und doch sanft“, „tapfer und doch rechtschaffen“ – die älteste bekannte Sammlung von Schwestertugenden

Herkunft

Sammlung von Reden früher chinesischer Herrscher und Minister, im 1. Jahrtausend v. Chr. kompiliert; einer der Fünf Klassiker des Konfuzianismus; Altchinesisch

Antike

  1. 1. Jt. v. Chr.Buch der UrkundenChina
    China1. Jt. v. Chr. (Überlieferung)Die Partnertugend

    Buch der Urkunden (Shujing), Kapitel „Ratschläge des Gao Yao“

    Beitrag zur Wertematrix: Neun Tugenden für Amtsträger, jede als Paar: „mild und doch fest“, „gerade und doch sanft“, „tapfer und doch rechtschaffen“ – die älteste bekannte Sammlung von Schwestertugenden

    Herkunft

    Sammlung von Reden früher chinesischer Herrscher und Minister, im 1. Jahrtausend v. Chr. kompiliert; einer der Fünf Klassiker des Konfuzianismus; Altchinesisch

  2. ca. 10.–2. Jh. v. Chr.Altes TestamentJudentum
    Judentumca. 10.–2. Jh. v. Chr.Die MitteDie Partnertugend

    Altes Testament (Tanach): Tora, Propheten, Weisheitsbücher

    Beitrag zur Wertematrix: Gottes Eigenschaften als Paare: barmherzig und doch nicht ungestraft lassend (2. Mose 34,6–7); „Güte und Treue einander begegnen“ (Ps 85,11); „dass du dies fassest und jenes auch nicht aus deiner Hand lässest“ (Pred 7,18); Maß statt Extrem (Spr 30,8–9)

    Herkunft

    Schriftensammlung des alten Israel, entstanden etwa im 10.–2. Jh. v. Chr.; Hebräisch, einzelne Teile Aramäisch; für Juden der Tanach (Tora, Propheten, Schriften), für Christen das Alte Testament

  3. um 500 v. Chr.KonfuziusChina
    Chinaum 500 v. Chr.Die Mitte

    Konfuzius, Gespräche (Lunyu)

    Beitrag zur Wertematrix: „Zu viel ist so schlecht wie zu wenig“ (11.15); Tugenden ohne Maß kippen ins Gegenteil (8.2); sechs Tugenden werden ohne Lernen zu Fehlern (17.8); Unrecht mit Geradheit vergelten (14.36)

    Herkunft

    Aussprüche des Kong Fuzi (551–479 v. Chr.) aus dem Staat Lu (heute Shandong, China), von seinen Schülern über Generationen aufgezeichnet; Altchinesisch

  4. 5. Jh. v. Chr.BuddhaIndien · Sri Lanka
    Indien · Sri Lanka5. Jh. v. Chr.Die Mitte

    Buddha, erste Lehrrede

    Beitrag zur Wertematrix: Der Mittlere Weg zwischen Sinnenlust und Selbstkasteiung

    Herkunft

    Lehrrede im Wildpark von Sarnath bei Varanasi (Indien), 5. Jh. v. Chr.; im Pali-Kanon überliefert (Samyutta Nikaya 56.11)

  5. 4. Jh. v. Chr.AristotelesGriechenland · Rom
    Griechenland · Rom4. Jh. v. Chr.Die Mitte

    Aristoteles, Nikomachische Ethik

    Beitrag zur Wertematrix: Mesotes-Lehre: Tugend als Mitte, z. B. Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkühnheit

    Herkunft

    Vorlesungsschrift des Aristoteles (384–322 v. Chr.) aus Athen, nach seinem Sohn Nikomachos benannt; Altgriechisch

  6. um die ZeitenwendeBhagavad GitaIndien · Sri Lanka
    Indien · Sri Lankaum die Zeitenwende

    Bhagavad Gita

    Beitrag zur Wertematrix: Drei Grundkräfte (Gunas): Klarheit, rastlose Aktivität, Trägheit

    Genannt bei
    Herkunft

    Teil des indischen Epos Mahabharata, Entstehung etwa 5.–2. Jh. v. Chr. (Datierung umstritten); Sanskrit

  7. um 200Mischna · AvotJudentum
    Judentumum 200 (Redaktion)

    Mischna, darin der Traktat Avot (Sprüche der Väter)

    Beitrag zur Wertematrix: Hillel: „Wenn ich nicht für mich bin … wenn ich nur für mich bin …“ (1,14); Rabbi Tarfon: nicht vollenden müssen, nicht ablassen dürfen (2,16); „Wer ist ein Held? Wer seinen Trieb bezwingt“ (4,1); sieben Kennzeichen des Weisen (5,7)

    Herkunft

    Erste Niederschrift der mündlichen Lehre, um 200 n. Chr. in Galiläa unter Rabbi Jehuda ha-Nasi redigiert; Avot sammelt Sprüche von Gelehrten aus etwa 300 v. Chr. bis 200 n. Chr.; Hebräisch

  8. 3.–6. Jh.Talmud · MidraschJudentum
    Judentum3.–6. Jh.Die Partnertugend

    Babylonischer und Jerusalemer Talmud; Midrasch Bereschit Rabba

    Beitrag zur Wertematrix: Gott schuf die Welt mit Recht und Barmherzigkeit zugleich (Bereschit Rabba 12,15); „ein Achtel eines Achtels“ Stolz (Sota 5a); Wahrheit und Takt (Ketubot 17a); „Liebe ohne Zurechtweisung ist keine Liebe“ (Bereschit Rabba 54,3)

    Herkunft

    Diskussion und Auslegung der Mischna in den Lehrhäusern des Landes Israel (Jerusalemer Talmud, etwa 4./5. Jh.) und Babyloniens (heute Irak, abgeschlossen etwa im 6. Jh.); Hebräisch und Aramäisch

    Rabbinische Auslegungen zu biblischen Büchern; Bereschit Rabba aus dem Land Israel, etwa 5. Jh., die beiden anderen später; Hebräisch und Aramäisch

  9. um 405PrudentiusGriechenland · Rom
    Griechenland · Romum 405

    Prudentius, Psychomachia

    Beitrag zur Wertematrix: Tugenden kämpfen gegen ihr Gegenteil, z. B. Demut gegen Hochmut, Geduld gegen Zorn

    Genannt bei
    Herkunft

    Lateinisches Lehrgedicht des spanisch-römischen Dichters Aurelius Prudentius Clemens (348 – nach 405)

  10. 5. Jh.BuddhaghosaIndien · Sri Lanka
    Indien · Sri Lanka5. Jh.Naher und ferner Feind

    Buddhaghosa, Visuddhimagga (Kap. IX)

    Beitrag zur Wertematrix: Naher und ferner Feind der vier Grundhaltungen, z. B. Mitgefühl: naher Feind Kummer, ferner Feind Grausamkeit

    Herkunft

    Handbuch der Theravada-Tradition, um 430 n. Chr. in Anuradhapura (Sri Lanka) verfasst; Pali

Mittelalter

  1. 1045Ibn GabirolJudentum
    Judentum1045

    Salomo ibn Gabirol, Tikkun Middot ha-Nefesch

    Beitrag zur Wertematrix: Zwanzig Charaktereigenschaften, den fünf Sinnen zugeordnet, viele als Gegensatzpaare

    Genannt bei
    Hintergrund
    Herkunft

    Jüdischer Dichter und Philosoph (um 1021 – um 1058 oder 1070) aus dem muslimischen Spanien (Málaga, Saragossa); 1045 auf Arabisch in hebräischer Schrift verfasst

  2. um 1168MaimonidesJudentum
    Judentumum 1168 / um 1180Die MitteHeilung über den Gegenpol

    Moses Maimonides, Acht Kapitel; Mischne Tora, Hilchot De'ot

    Beitrag zur Wertematrix: Tugend als Mitte; Heilung durch zeitweises Üben des Gegenpols; bei Hochmut und Zorn bewusst zum anderen Ende – von Thomas von Aquin gelesen

    Herkunft

    Arzt, Rechtsgelehrter und Philosoph (1138–1204) aus Córdoba, später Fustat bei Kairo; Acht Kapitel um 1168 auf Arabisch als Einleitung zum Mischna-Kommentar zu Avot; Mischne Tora um 1180 auf Hebräisch

  3. 1265–1273Thomas von AquinChristliches Mittelalter
    Christliches Mittelalter1265–1273Die Partnertugend

    Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II

    Beitrag zur Wertematrix: Laster des Zuviel und Zuwenig für jede Tugend; Demut und Großmut als einander ergänzende Tugenden

    Herkunft

    Hauptwerk des Dominikaners Thomas von Aquin (1225–1274), entstanden 1265–1273 in Rom und Paris; Latein, unvollendet

  4. 15. Jh.Orchot ZaddikimJudentum
    Judentum15. Jh.

    Orchot Zaddikim (anonym, deutschsprachiger Raum)

    Beitrag zur Wertematrix: 28 Tore der Charaktereigenschaften, oft paarweise geordnet, mit rechtem und falschem Gebrauch

    Genannt bei
    Hintergrund
    Herkunft

    Anonymes Musar-Werk aus dem deutschsprachigen Raum, 15. Jh., ursprünglich „Sefer ha-Middot“ genannt; Hebräisch

Neuzeit

  1. 16. Jh.CordoveroJudentum
    Judentum16. Jh. (Druck 1588)Die Partnertugend

    Moses Cordovero, Tomer Devorah

    Beitrag zur Wertematrix: Chesed und Gewura, Güte und Strenge, im Gleichgewicht; Strenge wird durch Güte gemildert

    Herkunft

    Kabbalist (1522–1570) in Safed (Galiläa); ethische Schrift, 1588 in Venedig gedruckt; Hebräisch

  2. 1791Benjamin FranklinNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1791

    Benjamin Franklin, Autobiografie

    Beitrag zur Wertematrix: 13 Tugenden mit wöchentlicher Selbstprüfung – Vorbild für das Assessment

    Genannt bei
    Herkunft

    US-Verleger und Staatsmann (1706–1790); Tugendliste 1726 entworfen, Autobiografie postum 1791 erschienen

  3. 1812LefinJudentum
    Judentum1812

    Menachem Mendel Lefin, Cheschbon ha-Nefesch

    Beitrag zur Wertematrix: Franklins 13 Tugenden mit wöchentlicher Selbstprüfung, übertragen in die jüdische Charakterlehre

    Genannt bei
    Herkunft

    Aufklärer aus Satanów in Podolien (1749–1826); 1812 in Lemberg erschienen; überträgt Franklins Tugendliste in die Musar-Tradition

  4. 19. Jh.Chassidismus · MusarJudentum
    Judentum19. Jh.

    Chassidismus und Musar-Bewegung (Simcha Bunim von Przysucha, Israel Salanter)

    Beitrag zur Wertematrix: Zwei-Zettel-Wort zu Demut und Selbstbewusstsein; Arbeit an einzelnen Eigenschaften in kleinen Schritten

    Genannt bei
    Herkunft

    Osteuropa, 19. Jh.; Simcha Bunim (1765–1827) in Polen, das Zwei-Zettel-Wort mündlich überliefert; Israel Salanter (1810–1883) in Litauen, Begründer der Musar-Bewegung

Moderne

  1. 1926Nicolai HartmannNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1926Die Partnertugend

    Nicolai Hartmann, Ethik

    Beitrag zur Wertematrix: Überträgt Aristoteles' Mitte auf Werte, die einander widerstreiten und doch zusammengehören (Wertantinomien): der Grundgedanke des Wertequadrats

    Genannt bei
    Herkunft

    Deutsch-baltischer Philosoph (1882–1950), Berlin; formuliert den Grundgedanken des Wertequadrats (Wertantinomien)

  2. 1936Paul HelwigNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1936 / 1948Die Partnertugend

    Paul Helwig, Charakterologie; Aufsatz „Das Wertequadrat“

    Beitrag zur Wertematrix: Formt aus Hartmanns Gedanken das Wertequadrat; auf ihn beruft sich Schulz von Thun für Schwestertugend und entwertende Übertreibung

    Genannt bei
    Herkunft

    Deutscher Philosoph, Psychologe und Dramatiker (1893–1963); Teubner, Leipzig, später Klett, Stuttgart

  3. 1958BollnowNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1958

    Otto Friedrich Bollnow, Wesen und Wandel der Tugenden

    Beitrag zur Wertematrix: Wie sich Tugendbegriffe im Lauf der Zeit verändern

    Genannt bei
    Hintergrund
    Herkunft

    Deutscher Philosoph und Pädagoge (1903–1991), Tübingen

  4. 1970GreenleafNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1970

    Robert K. Greenleaf, The Servant as Leader

    Beitrag zur Wertematrix: Dienende Führung

    Herkunft

    US-Manager bei AT&T (1904–1990); begründet den Begriff Servant Leadership

  5. 1989Schulz von ThunNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1989Heilung über den Gegenpol

    Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 2

    Beitrag zur Wertematrix: Werte- und Entwicklungsquadrat mit der Diagonale als Entwicklungsrichtung

    Genannt bei
    Herkunft

    Hamburger Kommunikationspsychologe (geb. 1944); Rowohlt, Reinbek

  6. 1992Barry JohnsonNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne1992

    Barry Johnson, Polarity Management

    Beitrag zur Wertematrix: Polaritäten-Landkarte: zwei Pole mit Nutzen und Schattenseite

    Herkunft

    US-Organisationsberater; HRD Press

  7. 2004Peterson & SeligmanNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne2004

    Christopher Peterson & Martin Seligman, Character Strengths and Virtues

    Beitrag zur Wertematrix: 24 Charakterstärken in sechs Tugenden

    Genannt bei
    Hintergrund
    Herkunft

    US-Psychologen, Begründer der VIA-Klassifikation; Oxford University Press

  8. 2006Kaplan & KaiserNeuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne2006

    Robert Kaplan & Robert Kaiser, The Versatile Leader

    Beitrag zur Wertematrix: Führungspole mit Über- und Untertreibung

    Herkunft

    US-Führungsforscher; Pfeiffer/Wiley

  9. 2007Alan MorinisJudentum
    Judentum2007

    Alan Morinis, Everyday Holiness

    Beitrag zur Wertematrix: Musar für heute: Jede Eigenschaft hat einen gesunden Bereich zwischen zwei Extremen

    Genannt bei
    Hintergrund
    Herkunft

    Kanadischer Autor, Gründer des Mussar Institute; Trumpeter/Shambhala, Boston

  10. 2016WEGVISORWEGVISOR
    WEGVISOR2016

    Titus Lindl & Tim Walter, WORK HEARTER

    Beitrag zur Wertematrix: Wertematrix für Unternehmer und Führungskräfte

    Genannt bei
    Herkunft

    WEGVISOR Leadership Stiftung GmbH; BoD, Norderstedt

  11. 2017Freidlin u. a.Neuzeit · Moderne
    Neuzeit · Moderne2017

    Freidlin, Littman-Ovadia & Niemiec, Personality and Individual Differences

    Beitrag zur Wertematrix: Begriffe für Under- und Overuse aller 24 Charakterstärken

    Herkunft

    Israelisch-US-amerikanisches Forschungsteam (Universität Ariel, VIA Institute)

ZeitAutor und WerkBeitrag zur WertematrixGenannt bei Wert
1. Jt. v. Chr. (Überlieferung)Buch der Urkunden (Shujing), Kapitel „Ratschläge des Gao Yao“Neun Tugenden für Amtsträger, jede als Paar: „mild und doch fest“, „gerade und doch sanft“, „tapfer und doch rechtschaffen“ – die älteste bekannte Sammlung von Schwestertugenden2, 5, 6, 8, 13, 15, 16, 18
ca. 10.–2. Jh. v. Chr.Altes Testament (Tanach): Tora, Propheten, WeisheitsbücherGottes Eigenschaften als Paare: barmherzig und doch nicht ungestraft lassend (2. Mose 34,6–7); „Güte und Treue einander begegnen“ (Ps 85,11); „dass du dies fassest und jenes auch nicht aus deiner Hand lässest“ (Pred 7,18); Maß statt Extrem (Spr 30,8–9)alle, besonders 3, 5–8, 11–13, 16, 17, 19, 20
um 500 v. Chr.Konfuzius, Gespräche (Lunyu)„Zu viel ist so schlecht wie zu wenig“ (11.15); Tugenden ohne Maß kippen ins Gegenteil (8.2); sechs Tugenden werden ohne Lernen zu Fehlern (17.8); Unrecht mit Geradheit vergelten (14.36)2, 3, 8, 15, 19
5. Jh. v. Chr.Buddha, erste LehrredeDer Mittlere Weg zwischen Sinnenlust und Selbstkasteiung14
4. Jh. v. Chr.Aristoteles, Nikomachische EthikMesotes-Lehre: Tugend als Mitte, z. B. Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkühnheit2, 4, 6, 8, 9, 14, 18
um die ZeitenwendeBhagavad GitaDrei Grundkräfte (Gunas): Klarheit, rastlose Aktivität, Trägheit11, 18
um 200 (Redaktion)Mischna, darin der Traktat Avot (Sprüche der Väter)Hillel: „Wenn ich nicht für mich bin … wenn ich nur für mich bin …“ (1,14); Rabbi Tarfon: nicht vollenden müssen, nicht ablassen dürfen (2,16); „Wer ist ein Held? Wer seinen Trieb bezwingt“ (4,1); sieben Kennzeichen des Weisen (5,7)3, 5, 7, 8, 10–12, 14, 15, 18–20
3.–6. Jh.Babylonischer und Jerusalemer Talmud; Midrasch Bereschit RabbaGott schuf die Welt mit Recht und Barmherzigkeit zugleich (Bereschit Rabba 12,15); „ein Achtel eines Achtels“ Stolz (Sota 5a); Wahrheit und Takt (Ketubot 17a); „Liebe ohne Zurechtweisung ist keine Liebe“ (Bereschit Rabba 54,3)1, 2, 4–7, 9, 13–18, 20
um 405Prudentius, PsychomachiaTugenden kämpfen gegen ihr Gegenteil, z. B. Demut gegen Hochmut, Geduld gegen Zorn4, 18
5. Jh.Buddhaghosa, Visuddhimagga (Kap. IX)Naher und ferner Feind der vier Grundhaltungen, z. B. Mitgefühl: naher Feind Kummer, ferner Feind Grausamkeit9, 10, 16
1045Salomo ibn Gabirol, Tikkun Middot ha-NefeschZwanzig Charaktereigenschaften, den fünf Sinnen zugeordnet, viele als GegensatzpaareHintergrund
um 1168 / um 1180Moses Maimonides, Acht Kapitel; Mischne Tora, Hilchot De'otTugend als Mitte; Heilung durch zeitweises Üben des Gegenpols; bei Hochmut und Zorn bewusst zum anderen Ende – von Thomas von Aquin gelesen4, 14, 19
1265–1273Thomas von Aquin, Summa theologiae II-IILaster des Zuviel und Zuwenig für jede Tugend; Demut und Großmut als einander ergänzende Tugenden1–4, 6, 8–10, 13–20
15. Jh.Orchot Zaddikim (anonym, deutschsprachiger Raum)28 Tore der Charaktereigenschaften, oft paarweise geordnet, mit rechtem und falschem GebrauchHintergrund
16. Jh. (Druck 1588)Moses Cordovero, Tomer DevorahChesed und Gewura, Güte und Strenge, im Gleichgewicht; Strenge wird durch Güte gemildert5, 6, 16, 19
1791Benjamin Franklin, Autobiografie13 Tugenden mit wöchentlicher Selbstprüfung – Vorbild für das AssessmentAssessment
1812Menachem Mendel Lefin, Cheschbon ha-NefeschFranklins 13 Tugenden mit wöchentlicher Selbstprüfung, übertragen in die jüdische CharakterlehreAssessment
19. Jh.Chassidismus und Musar-Bewegung (Simcha Bunim von Przysucha, Israel Salanter)Zwei-Zettel-Wort zu Demut und Selbstbewusstsein; Arbeit an einzelnen Eigenschaften in kleinen Schritten4; Assessment
1926Nicolai Hartmann, EthikÜberträgt Aristoteles' Mitte auf Werte, die einander widerstreiten und doch zusammengehören (Wertantinomien): der Grundgedanke des Wertequadratsalle
1936 / 1948Paul Helwig, Charakterologie; Aufsatz „Das Wertequadrat“Formt aus Hartmanns Gedanken das Wertequadrat; auf ihn beruft sich Schulz von Thun für Schwestertugend und entwertende Übertreibungalle
1958Otto Friedrich Bollnow, Wesen und Wandel der TugendenWie sich Tugendbegriffe im Lauf der Zeit verändernHintergrund
1970Robert K. Greenleaf, The Servant as LeaderDienende Führung5
1989Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 2Werte- und Entwicklungsquadrat mit der Diagonale als Entwicklungsrichtungalle, besonders 12
1992Barry Johnson, Polarity ManagementPolaritäten-Landkarte: zwei Pole mit Nutzen und Schattenseite7, 11
2004Christopher Peterson & Martin Seligman, Character Strengths and Virtues24 Charakterstärken in sechs TugendenHintergrund
2006Robert Kaplan & Robert Kaiser, The Versatile LeaderFührungspole mit Über- und Untertreibung5, 7, 13
2007Alan Morinis, Everyday HolinessMusar für heute: Jede Eigenschaft hat einen gesunden Bereich zwischen zwei ExtremenHintergrund
2016Titus Lindl & Tim Walter, WORK HEARTERWertematrix für Unternehmer und Führungskräftealle, besonders 11
2017Freidlin, Littman-Ovadia & Niemiec, Personality and Individual DifferencesBegriffe für Under- und Overuse aller 24 Charakterstärken1, 2, 4–6, 8–10, 13–17, 19, 20
Die Kette ins Quadrat

Von der Mitte zur Wertematrix

Nicolai Hartmann hat 1926 den Grundgedanken formuliert – Werte, die einander widerstreiten und doch zusammengehören –, Paul Helwig hat daraus 1936 in der Charakterkunde das Wertequadrat gemacht, Friedemann Schulz von Thun hat es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt gemacht, und WEGVISOR hat es 2016 mit dem Buch WORK HEARTER auf Unternehmer übertragen.

FeigheitTapferkeitTollkühnheitMangelMitteÜbermaßWertWertwiderstreiten – und gehören doch zusammenSchwestertugendentwertendeÜbertreibungentwertendeÜbertreibungSchwestertugendEntwicklungsrichtungTrennlinieMutBesonnenheitUnbesonnenheitMutlosigkeitBeispiel: Wert 8 Mut
4. Jh. v. Chr.

Die Mitte

Aristoteles, Nikomachische Ethik

Mesotes-Lehre: Tugend als Mitte, z. B. Tapferkeit zwischen Feigheit und Tollkühnheit

Vorlesungsschrift des Aristoteles (384–322 v. Chr.) aus Athen, nach seinem Sohn Nikomachos benannt; Altgriechisch

China · Indien · Sri Lanka

Asiatische Traditionen im Detail

Die stärkste asiatische Parallele sind die Neun Tugenden aus dem Buch der Urkunden. Der Minister Gao Yao rät darin, Amtsträger nach Tugendpaaren auszuwählen – im Kern eine Liste von Schwestertugenden für Führungskräfte. In James Legges klassischer Übersetzung lauten sie:

  1. 1Nachsichtigund dochstrengLegge: umgänglich und doch würdevoll6Gerechtigkeit
  2. 2Mildund dochfest5Dienende Haltung16Fürsorge
  3. 3Offenund dochehrerbietig2Ehrlichkeit
  4. 4Fähig zu regierenund dochvorsichtig13Entschlossenheit
  5. 5Fügsamund dochkühn15Lernbereitschaft
  6. 6Geradeund dochsanft2Ehrlichkeit
  7. 7Gelassenund dochunterscheidend18Geduld
  8. 8Kühnund dochaufrichtig8Mut
  9. 9Tapferund dochrechtschaffen8Mut

Bei Konfuzius kippen Tugenden ohne Maß ins Negative: Ehrerbietung wird zur Mühsal, Vorsicht zur Ängstlichkeit, Mut zum Aufruhr, Geradheit zur Unnachgiebigkeit (Lunyu 8.2). An anderer Stelle nennt er sechs Tugenden, die ohne Lernen zu Fehlern werden: Menschlichkeit zu Einfalt, Klugheit zu Haltlosigkeit, Vertrauenswürdigkeit zu Ausnutzbarkeit, Geradheit zu Schroffheit, Mut zu Unordnung, Festigkeit zu Verwegenheit (Lunyu 17.8). Lernen wirkt hier wie eine universelle Schwestertugend.

Die buddhistische Kommentartradition beschreibt für die vier Grundhaltungen je einen nahen Feind, der der Tugend täuschend ähnlich sieht, und einen fernen Feind, der ihr Gegenteil ist: Liebende Güte – naher Feind Anhaftung, ferner Feind Übelwollen; Mitgefühl – Kummer und Grausamkeit; Mitfreude – Überschwang und Missgunst; Gleichmut – Gleichgültigkeit und Abneigung. Das entspricht genau unserer Doppelregel für die unteren Felder.

Die Bhagavad Gita unterscheidet drei Grundkräfte: Klarheit (Sattva), rastlose Aktivität (Rajas) und Trägheit (Tamas). Rajas und Tamas ähneln den beiden Übertreibungen bei Vision und Geduld – Aktionismus und Ungeduld auf der einen, Ziellosigkeit und Trägheit auf der anderen Seite.

Judentum

Jüdische Tradition im Detail

Das Alte Testament und die rabbinische Literatur kennen beide Grundgedanken der Wertematrix: Eigenschaften, die einander brauchen, und die Warnung vor dem Zuviel. Anders als Aristoteles setzen sie nicht beim Menschen an, sondern bei Gott. Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sind zuerst Eigenschaften Gottes, und der Mensch soll ihnen folgen: „Wie er gnädig und barmherzig ist, so sei auch du gnädig und barmherzig“ (Schabbat 133b). Weil Jesus, Paulus und die ersten Christen in dieser Tradition lebten und lehrten, ist sie zugleich die Wurzel vieler biblischer Bezüge in diesem Blog.

Altes Testament

Gott stellt sich Mose als „barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue“ vor – aber er lässt niemanden ungestraft (2. Mose 34,6–7): Barmherzigkeit und Konsequenz in einem Satz. Der Psalm setzt Tugenden ausdrücklich als Paare: „Güte und Treue einander begegnen, Gerechtigkeit und Friede sich küssen“ (Psalm 85,11). Der Prediger formuliert die Doppelregel der unteren Felder fast wörtlich: nicht allzu gerecht und nicht allzu gottlos – „es ist gut, dass du dies fassest und jenes auch nicht aus deiner Hand lässest“ (Prediger 7,16–18). Die Sprüche bitten um das Maß: „Armut und Reichtum gib mir nicht“ (Sprüche 30,8–9). Und Micha bündelt drei Werte, die einander ausbalancieren: Recht tun, Güte lieben, demütig gehen (Micha 6,8).

Talmud und Midrasch

Die Rabbinen sprechen von zwei Eigenschaften Gottes: Middat ha-Din, dem Maß des Rechts, und Middat ha-Rachamim, dem Maß der Barmherzigkeit. Der Midrasch erzählt, Gott habe die Welt mit beiden zugleich erschaffen, weil sie mit Recht allein oder mit Barmherzigkeit allein nicht bestehen könnte (Bereschit Rabba 12,15) – das älteste ausdrückliche Bild einer Schwestertugend. Der Talmud lässt Gott sogar beten, dass seine Barmherzigkeit seinen Zorn überwinde (Berachot 7a). Ein Gelehrter soll „ein Achtel eines Achtels“ Stolz haben (Sota 5a) – Demut braucht ein Minimum an Selbstbewusstsein. Im Streit der Schulen Hillels und Schammais setzte sich Hillel durch, weil seine Schüler „sanft und nachgiebig“ waren und die Gegenmeinung zuerst vortrugen (Eruvin 13b). Die Sprüche der Väter (Pirkei Avot) fassen vieles in einem Satz, etwa Hillel: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich?“ (Avot 1,14).

Maimonides

Moses Maimonides (1138–1204) verbindet die Mesotes-Lehre des Aristoteles mit der rabbinischen Ethik. In den Acht Kapiteln (um 1168) nennt er Tugend die Mitte zwischen zwei schlechten Extremen: Großzügigkeit zwischen Geiz und Verschwendung, Tapferkeit zwischen Tollkühnheit und Feigheit, Demut zwischen Hochmut und Selbsterniedrigung (Kap. 4). Neu ist sein Heilungsweg: Wer in ein Extrem gefallen ist, soll eine Zeit lang bewusst den Gegenpol üben, bis er zur Mitte zurückfindet (Hilchot De'ot 2,2). Das ist ein früher Verwandter der Entwicklungsrichtung bei Schulz von Thun: Wer in einer Übertreibung festsitzt, entwickelt sich zum Gegenpol hin. Bei Hochmut und Zorn rät Maimonides ausdrücklich nicht zur Mitte, sondern zum anderen Ende (Hilchot De'ot 2,3). Thomas von Aquin kannte seine Schriften und zitiert ihn als „Rabbi Moyses“.

Musar und Kabbala

Die jüdische Charakterlehre (Musar, „Zucht, Erziehung“) arbeitet mit einzelnen Eigenschaften, hebräisch Middot – wörtlich „Maße“. Schon das Wort sagt: Eine Eigenschaft ist nicht an sich gut oder schlecht, sondern richtig oder falsch bemessen. Salomo ibn Gabirol ordnete 1045 zwanzig Eigenschaften den fünf Sinnen zu, viele davon als Gegensätze (Hochmut und Demut, Liebe und Hass, Barmherzigkeit und Grausamkeit, Freigebigkeit und Geiz, Tapferkeit und Feigheit). Die Orchot Zaddikim (15. Jh.) bauen darauf auf: 28 „Tore“, oft paarweise geordnet, und bei vielen Eigenschaften auch ihr rechter Gebrauch – selbst Stolz und Zorn haben dort einen eng begrenzten guten Ort. Menachem Mendel Lefin übertrug 1812 Benjamin Franklins Tugendliste mit wöchentlicher Selbstprüfung in sein Cheschbon ha-Nefesch – ein direkter Vorläufer unseres Assessments. In der Kabbala stehen Chesed (überfließende Güte) und Gewura (Strenge, Grenze) einander gegenüber und werden in Tiferet (Schönheit, Harmonie) ausgeglichen; Moses Cordovero machte daraus in Tomer Devorah (Safed, 16. Jh.) eine Ethik der Nachahmung Gottes, in der Strenge immer durch Güte gemildert wird. Die chassidische Überlieferung schreibt Rabbi Simcha Bunim von Przysucha (1765–1827) das Wort von den zwei Zetteln zu: In der einen Tasche steht „Für mich wurde die Welt erschaffen“, in der anderen „Erde und Asche“ – je nach Lage zieht man den einen oder den anderen heraus. Genauer lässt sich die Schlaufe zwischen Demut und Selbstbewusstsein kaum beschreiben.

Wert für Wert stützt die jüdische Tradition alle 20 Matrizen der Stufe 1 – auch die vier, die in den griechischen und lateinischen Katalogen fehlen. Die Belegstellen sind in den Ursprungs-Absätzen der einzelnen Werte verlinkt.

Nr.WertQuelleWas sie zur Matrix beiträgt
1IntegritätJoma 72b; Eruvin 13bInnen wie außen sein (Integrität); Hillels Schule setzte sich durch, weil sie sanft war und die Gegenmeinung ehrte (Kompromissfähigkeit)
2EhrlichkeitKetubot 17a; Bava Metzia 58bWahrheit und Takt im Streit um das Lob der Braut; öffentliches Beschämen als schwere Schuld (Indiskretion, Bloßstellung)
3Vertrauenswürdigkeit4. Mose 32,22; Mischna Schekalim 3,2; Sprüche 11,13GITransparenz schützt Vertrauen; Geschwätzigkeit verrät es
4Demut4. Mose 12,3; Sota 5a; Maimonides; Simcha BunimGIDemut mit einem Minimum an Selbstbewusstsein; die zwei Zettel als Schlaufe
5Dienen1. Könige 12,7; 5. Mose 17,20; Avot 1,14; Horajot 10a–bGIDienen als Grundlage von Autorität; ein Amt ist Dienst, nicht Herrschaft
6Gerechtigkeit2. Mose 34,6–7; Bereschit Rabba 12,15; Berachot 7a; 3. Mose 19,15GIRecht und Barmherzigkeit als Paar; Parteilichkeit als Unrecht
7Verantwortung1. Mose 4,9; 2. Mose 18; Avot 2,5; Schewuot 39aGI„Meines Bruders Hüter?“ als Urbild der Verantwortungslosigkeit; Zutrauen durch Verteilen der Last
8MutJosua 1,9; 5. Mose 20,8; Avot 4,1GIMut mit Selbstbeherrschung; Mutlosigkeit steckt andere an
9Wertschätzung3. Mose 19,17; Bereschit Rabba 54,3; Arachin 16b; Bava Metzia 58bGIKritik als Ausdruck von Liebe; Kritik ohne Beschämung
10Empathie2. Mose 23,9; Avot 2,4; 3. Mose 19,15GISich in den anderen hineinversetzen und doch sachlich urteilen
11VisionSprüche 29,18; Habakuk 2,2; Avot 1,17; Avot 3,17GIEine Vision, die man im Vorbeilaufen lesen kann; Tun vor Forschen
12Zuhören5. Mose 6,4; 1. Könige 3,9; Avot 5,7; Avot 1,15GIDas hörende Herz; Zuhören und Klarheit als Kennzeichen des Weisen
13Entschlossenheit1. Könige 18,21; Sprüche 15,22; 1. Könige 12,8; Bava Metzia 59bGIUnentschlossenheit, Alleingang und Beratung
14SelbstdisziplinSprüche 16,32; Avot 4,1; Jerusalemer Talmud Kidduschin 4,12; MaimonidesGISelbstbeherrschung und zugleich die Pflicht, Erlaubtes zu genießen
15LernbereitschaftAvot 4,1; Avot 2,5; Avot 5,15; Taanit 7aVon jedem lernen und doch sieben können
16Fürsorge3. Mose 25,43; 5. Mose 24,14–15; 2. Mose 18,17–18; Bava Metzia 83aGIKeine Ausbeutung; Fürsorge über das Recht hinaus
17Zuversicht4. Mose 13–14; Jeremia 6,14; Jeremia 29,11; Pesachim 64bGIHoffnung mit Realismus; gegen Schönfärberei und Vermessenheit
18GeduldSprüche 16,32; Avot 1,1; Avot 2,16; Schabbat 31aGIGeduld und Zielstrebigkeit in einem Satz
19Vergebungsbereitschaft3. Mose 19,18; 1. Mose 50; Mischna Joma 8,9; MaimonidesGIVergebung mit Wiedergutmachung; Unversöhnlichkeit als Fehler
20Dankbarkeit5. Mose 8,10–18; 1. Mose 2,15; Avot 4,1; Berachot 58a; Kohelet Rabba 1,13GIDanken und gestalten; gegen Anspruchsdenken und Unersättlichkeit
Abgleich mit Tradition und Forschung

Wie gut die 20 Matrizen der Stufe 1 gestützt sind

13 der 20 Matrizen der Stufe 1 werden von mindestens einer der drei großen Tugendtraditionen gestützt, 9 davon sogar von zwei oder allen drei. Vier Matrizen (Vertrauenswürdigkeit, Verantwortung, Vision, Zuhören) finden in den klassischen Katalogen höchstens Teilaspekte; sie stammen im Kern aus der modernen Führungslehre. Die asiatischen Quellen stützen zusätzlich Ehrlichkeit, Mut, Empathie, Selbstdisziplin, Lernbereitschaft, Fürsorge und Vergebungsbereitschaft.

Die jüdische Tradition – Altes Testament, Mischna, Talmud, Midrasch und Maimonides – stützt alle 20 Matrizen der Stufe 1 mindestens in Teilen, auch die vier modernen: Transparenz als Schutz des Vertrauens (Mischna Schekalim 3,2), Verantwortung und Zutrauen (1. Mose 4,9; 2. Mose 18), eine Vision, die umgesetzt wird (Habakuk 2,2; Avot 1,17), sowie Zuhören und Klarheit als Kennzeichen des Weisen (Avot 5,7). Die Einzelnachweise stehen im Abschnitt Jüdische Tradition im Detail und in den Ursprungs-Absätzen der Werte.GI

Aristoteles, Nikomachische Ethik (Buch II–V)

Tugend als Mitte zwischen Mangel und Übermaß

Die beiden unteren Felder als „zu wenig“ und „zu viel“

Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II

Jeder Tugend stehen Laster des Zuviel und Zuwenig gegenüber; manche Tugenden ergänzen sich

Präzise historische Begriffe für die unteren Felder und erste „Schwestertugenden“ (z. B. Demut und Großmut)

VIA-Institut: Freidlin, Littman-Ovadia & Niemiec (2017)

24 Charakterstärken mit Underuse und Overuse

Empirisch getestete Begriffe für Unter- und Übertreibung

Was die Traditionen bestätigen
  • Mut und Selbstdisziplin: Aristoteles, Thomas von Aquin und VIA beschreiben nahezu dieselben Extreme wie unsere Matrix – die belastbarsten Matrizen. Bei Zuversicht und Vergebungsbereitschaft stimmen Thomas und VIA fast wörtlich mit uns überein.
  • Demut: Thomas von Aquin beschreibt Demut und Großmut ausdrücklich als einander ergänzende Tugenden – das ist eine Schwestertugend 700 Jahre vor Helwig. Achtung: Aristoteles lobt nicht die Demut, sondern die Hochsinnigkeit; für ihn wäre unsere Demut eher Kleinmut.
  • Wertschätzung: Aristoteles' Freundlichkeit zwischen Schmeichelei und Streitsucht entspricht fast wörtlich unseren unteren Feldern.
  • Selbstdisziplin: Aristoteles' „Unempfindlichkeit“ – die Unfähigkeit zu genießen – stützt „Genussfähigkeit“ als Schwestertugend. Damit ist die offene Frage aus dem Methodik-Check zugunsten von Genussfähigkeit entschieden.
  • Jüdische Tradition: Der Midrasch beschreibt Recht und Barmherzigkeit als zwei Eigenschaften, ohne deren Zusammenspiel die Welt nicht bestehen könnte (Bereschit Rabba 12,15) – die deutlichste klassische Vorlage für die Schlaufe zwischen Zielwert und Schwestertugend. Bei Demut bestätigen Sota 5a und das Zwei-Zettel-Wort Simcha Bunims die Schwestertugend Selbstbewusstsein, und Maimonides’ Heilungsweg über den Gegenpol nimmt die Entwicklungsrichtung des Quadrats vorweg.
Quellen

Quellen und ihre Herkunft

Alle Werke, auf die sich die Wertematrizen stützen – mit Entstehung, Herkunft und Link zum Text oder zu verlässlichen Hintergrundinformationen. Englische Übersetzungen sind verlinkt, wo keine freie deutsche Ausgabe online steht.

Buch der Urkunden (Shujing), „Ratschläge des Gao Yao“1. Jt. v. Chr. · China

Sammlung von Reden früher chinesischer Herrscher und Minister, im 1. Jahrtausend v. Chr. kompiliert; einer der Fünf Klassiker des Konfuzianismus; Altchinesisch

Altes Testament (Tanach)ca. 10.–2. Jh. v. Chr. · Judentum

Schriftensammlung des alten Israel, entstanden etwa im 10.–2. Jh. v. Chr.; Hebräisch, einzelne Teile Aramäisch; für Juden der Tanach (Tora, Propheten, Schriften), für Christen das Alte Testament

Konfuzius, Gespräche (Lunyu)um 500 v. Chr. · China

Aussprüche des Kong Fuzi (551–479 v. Chr.) aus dem Staat Lu (heute Shandong, China), von seinen Schülern über Generationen aufgezeichnet; Altchinesisch

Buddha, erste Lehrrede (Dhammacakkappavattana-Sutta)5. Jh. v. Chr. · Indien · Sri Lanka

Lehrrede im Wildpark von Sarnath bei Varanasi (Indien), 5. Jh. v. Chr.; im Pali-Kanon überliefert (Samyutta Nikaya 56.11)

Aristoteles, Nikomachische Ethik4. Jh. v. Chr. · Griechenland · Rom

Vorlesungsschrift des Aristoteles (384–322 v. Chr.) aus Athen, nach seinem Sohn Nikomachos benannt; Altgriechisch

Bhagavad Gitaum die Zeitenwende · Indien · Sri Lanka

Teil des indischen Epos Mahabharata, Entstehung etwa 5.–2. Jh. v. Chr. (Datierung umstritten); Sanskrit

Mischna, Traktat Avot (Pirkei Avot, Sprüche der Väter)um 200 · Judentum

Erste Niederschrift der mündlichen Lehre, um 200 n. Chr. in Galiläa unter Rabbi Jehuda ha-Nasi redigiert; Avot sammelt Sprüche von Gelehrten aus etwa 300 v. Chr. bis 200 n. Chr.; Hebräisch

Talmud (Babylonischer und Jerusalemer)3.–6. Jh. · Judentum

Diskussion und Auslegung der Mischna in den Lehrhäusern des Landes Israel (Jerusalemer Talmud, etwa 4./5. Jh.) und Babyloniens (heute Irak, abgeschlossen etwa im 6. Jh.); Hebräisch und Aramäisch

Midrasch: Bereschit Rabba, Schemot Rabba, Kohelet Rabba3.–6. Jh. · Judentum

Rabbinische Auslegungen zu biblischen Büchern; Bereschit Rabba aus dem Land Israel, etwa 5. Jh., die beiden anderen später; Hebräisch und Aramäisch

Prudentius, Psychomachiaum 405 · Griechenland · Rom

Lateinisches Lehrgedicht des spanisch-römischen Dichters Aurelius Prudentius Clemens (348 – nach 405)

Buddhaghosa, Visuddhimagga5. Jh. · Indien · Sri Lanka

Handbuch der Theravada-Tradition, um 430 n. Chr. in Anuradhapura (Sri Lanka) verfasst; Pali

Salomo ibn Gabirol, Tikkun Middot ha-Nefesch (Die Verbesserung der Charaktereigenschaften)1045 · Judentum

Jüdischer Dichter und Philosoph (um 1021 – um 1058 oder 1070) aus dem muslimischen Spanien (Málaga, Saragossa); 1045 auf Arabisch in hebräischer Schrift verfasst

Moses Maimonides, Acht Kapitel (Schemona Perakim) und Mischne Tora, Hilchot De'otum 1168 · Judentum

Arzt, Rechtsgelehrter und Philosoph (1138–1204) aus Córdoba, später Fustat bei Kairo; Acht Kapitel um 1168 auf Arabisch als Einleitung zum Mischna-Kommentar zu Avot; Mischne Tora um 1180 auf Hebräisch

Thomas von Aquin, Summa theologiae II-II1265–1273 · Christliches Mittelalter

Hauptwerk des Dominikaners Thomas von Aquin (1225–1274), entstanden 1265–1273 in Rom und Paris; Latein, unvollendet

Orchot Zaddikim (Die Wege der Gerechten)15. Jh. · Judentum

Anonymes Musar-Werk aus dem deutschsprachigen Raum, 15. Jh., ursprünglich „Sefer ha-Middot“ genannt; Hebräisch

Moses Cordovero, Tomer Devorah (Die Palme Deboras)16. Jh. · Judentum

Kabbalist (1522–1570) in Safed (Galiläa); ethische Schrift, 1588 in Venedig gedruckt; Hebräisch

Benjamin Franklin, Autobiografie1791 · Neuzeit · Moderne

US-Verleger und Staatsmann (1706–1790); Tugendliste 1726 entworfen, Autobiografie postum 1791 erschienen

Menachem Mendel Lefin, Cheschbon ha-Nefesch (Seelenbuchhaltung)1812 · Judentum

Aufklärer aus Satanów in Podolien (1749–1826); 1812 in Lemberg erschienen; überträgt Franklins Tugendliste in die Musar-Tradition

Chassidismus und Musar-Bewegung: Simcha Bunim von Przysucha, Israel Salanter19. Jh. · Judentum

Osteuropa, 19. Jh.; Simcha Bunim (1765–1827) in Polen, das Zwei-Zettel-Wort mündlich überliefert; Israel Salanter (1810–1883) in Litauen, Begründer der Musar-Bewegung

Nicolai Hartmann, Ethik (1926)1926 · Neuzeit · Moderne

Deutsch-baltischer Philosoph (1882–1950), Berlin; formuliert den Grundgedanken des Wertequadrats (Wertantinomien)

Paul Helwig, Charakterologie (1936, 3. Aufl. 1965) und „Das Wertequadrat“, Psyche 2 (1948)1936 · Neuzeit · Moderne

Deutscher Philosoph, Psychologe und Dramatiker (1893–1963); Teubner, Leipzig, später Klett, Stuttgart

Otto Friedrich Bollnow, Wesen und Wandel der Tugenden (1958)1958 · Neuzeit · Moderne

Deutscher Philosoph und Pädagoge (1903–1991), Tübingen

Robert K. Greenleaf, The Servant as Leader (1970)1970 · Neuzeit · Moderne

US-Manager bei AT&T (1904–1990); begründet den Begriff Servant Leadership

Friedemann Schulz von Thun, Miteinander reden 2 (1989)1989 · Neuzeit · Moderne

Hamburger Kommunikationspsychologe (geb. 1944); Rowohlt, Reinbek

Barry Johnson, Polarity Management (1992)1992 · Neuzeit · Moderne

US-Organisationsberater; HRD Press

Jim Collins, Good to Great (2001)

US-Managementforscher; Level-5-Führung und Stockdale-Paradox

Christopher Peterson & Martin Seligman, Character Strengths and Virtues (2004)2004 · Neuzeit · Moderne

US-Psychologen, Begründer der VIA-Klassifikation; Oxford University Press

Robert Kaplan & Robert Kaiser, The Versatile Leader (2006)2006 · Neuzeit · Moderne

US-Führungsforscher; Pfeiffer/Wiley

Alan Morinis, Everyday Holiness. The Jewish Spiritual Path of Mussar (2007)2007 · Judentum

Kanadischer Autor, Gründer des Mussar Institute; Trumpeter/Shambhala, Boston

Titus Lindl & Tim Walter, WORK HEARTER (2016)2016 · WEGVISOR

WEGVISOR Leadership Stiftung GmbH; BoD, Norderstedt

Freidlin, Littman-Ovadia & Niemiec (2017), Personality and Individual Differences 108, 50–542017 · Neuzeit · Moderne

Israelisch-US-amerikanisches Forschungsteam (Universität Ariel, VIA Institute)

Weiterführende Links

Jüdische Quellen

Jeder Wert braucht seine Schwester

Sieh dir die Wertematrix an jedem der 116 Führungswerte an – oder finde mit dem Wertecheck heraus, wo du stehst.