Integrität im Gleichgewicht
Integrität braucht Kompromissfähigkeit als Gegengewicht. Zu viel Integrität wird zu Kompromisslosigkeit – der Weg zurück führt über Kompromissfähigkeit.
Begriffe erklärt
Zielwert 1
Integrität
„Ich lebe, was ich sage.“
auch Redlichkeit, Rechtschaffenheit
Gemeint ist die Übereinstimmung von Worten, Werten und Taten. Hilfreich, weil Menschen einer Führungskraft vor allem dann vertrauen, wenn ihre Worte und Taten zusammenpassen.
In Balance mit: Kompromissfähigkeit. Zu viel davon: Kompromisslosigkeit. Verneint durch: Prinzipienlosigkeit.
Schwestertugend S1
Kompromissfähigkeit
„Ich suche eine Lösung, mit der auch die andere Seite leben kann.“
auch Verhandlungsbereitschaft, Augenmaß
Gemeint ist die Bereitschaft, eigene Forderungen zurückzunehmen und Wege zu finden, die verschiedene Interessen verbinden. Hilfreich, weil Integrität nicht heißt, jede Sachfrage zur Gewissensfrage zu machen; wer klar unterscheidet, was verhandelbar ist und was nicht, bleibt glaubwürdig und handlungsfähig.
In Balance mit: Integrität. Zu viel davon: Prinzipienlosigkeit. Verneint durch: Kompromisslosigkeit.
Zur Seite KompromissfähigkeitÜbertreibung von Integrität
Kompromisslosigkeit
„Ich gebe keinen Millimeter nach.“
auch Starrsinn, Prinzipienreiterei, Selbstgerechtigkeit
Verneinung der Kompromissfähigkeit und zugleich überzogene Integrität. Grenzwertig, weil jede Sachfrage zur Glaubensfrage wird und das Team Moralpredigten statt Lösungen erlebt.
Übertreibung von: Integrität. Verneinung von: Kompromissfähigkeit. Entwicklungsrichtung: Kompromissfähigkeit.
Übertreibung von Kompromissfähigkeit
Prinzipienlosigkeit
„Ich gebe nach, solange es Ruhe bringt.“
auch Opportunismus, fauler Kompromiss
Verneinung der Integrität und zugleich überzogene Kompromissfähigkeit. Grenzwertig, weil eine Führungskraft, die auch ihren Kern zur Verhandlung stellt, kein Vertrauen aufbaut.
Übertreibung von: Kompromissfähigkeit. Verneinung von: Integrität. Entwicklungsrichtung: Integrität.
Die Wertematrix im Detail
In drei Schritten durch den Wert: verstehen, erkennen und leben. Jedes Thema lässt sich aufklappen – je nachdem, wie tief du einsteigen möchtest.
Die BegriffeIntegrität · Kompromissfähigkeit · Kompromisslosigkeit · Prinzipienlosigkeit
Vier Begriffe bilden die Wertematrix: Integrität, die Schwester Kompromissfähigkeit und die beiden Übertreibungen, in die ein Wert ohne sein Gegengewicht kippt.
Zielwert
Integrität
auch Redlichkeit · Rechtschaffenheit
Gemeint ist die Übereinstimmung von Worten, Werten und Taten. Hilfreich, weil Menschen einer Führungskraft vor allem dann vertrauen, wenn ihre Worte und Taten zusammenpassen.
Schwestertugend
Kompromissfähigkeit
auch Verhandlungsbereitschaft · Augenmaß
Gemeint ist die Bereitschaft, eigene Forderungen zurückzunehmen und Wege zu finden, die verschiedene Interessen verbinden. Hilfreich, weil Integrität nicht heißt, jede Sachfrage zur Gewissensfrage zu machen; wer klar unterscheidet, was verhandelbar ist und was nicht, bleibt glaubwürdig und handlungsfähig.
Übertreibung von Integrität
Kompromisslosigkeit
auch Starrsinn · Prinzipienreiterei · Selbstgerechtigkeit
Verneinung der Kompromissfähigkeit und zugleich überzogene Integrität. Grenzwertig, weil jede Sachfrage zur Glaubensfrage wird und das Team Moralpredigten statt Lösungen erlebt.
Der Weg heraus: Richtung Kompromissfähigkeit
Übertreibung von Kompromissfähigkeit
Prinzipienlosigkeit
auch Opportunismus · fauler Kompromiss
Verneinung der Integrität und zugleich überzogene Kompromissfähigkeit. Grenzwertig, weil eine Führungskraft, die auch ihren Kern zur Verhandlung stellt, kein Vertrauen aufbaut.
Der Weg heraus: Richtung Integrität
Die ÜbertreibungWann Kompromisslosigkeit sinnvoll sein kann – und woran du den Unterschied erkennst
Nicht jede Übertreibung ist falsch: In manchen Lagen ist sie genau richtig. Hier steht, wann – und woran du merkst, dass sie kippt.
Die Übertreibung der Integrität heißt Kompromisslosigkeit (auch: Starrsinn, Prinzipienreiterei, Selbstgerechtigkeit). Im Führungsalltag schadet sie meist – in manchen Lagen ist sie aber angemessen:
Ein Sachbearbeiter im Bauamt wird gedrängt, eine Genehmigung trotz fehlender Brandschutzunterlagen „ausnahmsweise“ durchzuwinken, weil der Bauherr gute Kontakte hat. Er bleibt bei seinem Nein, auch als der Ton rauer wird. Wo ein Kompromiss Menschen gefährden und Gefälligkeit zur Regel machen würde, ist Unnachgiebigkeit Pflicht.
Ein Gemeindeleiter erfährt, dass ein beliebter Jugendmitarbeiter gegenüber Minderjährigen Grenzen überschritten hat. Gegen alle Bitten, die Sache „intern und leise“ zu regeln, besteht er auf Freistellung und Meldung an die zuständigen Stellen. Beim Schutz der Schwächsten gibt es keinen Mittelweg.
Kompromisslosigkeit trägt, wenn es um Leib und Leben, um Recht oder um den Schutz Schwächerer geht und ein Nachgeben einen Präzedenzfall schaffen würde. Sie kippt in Starrsinn, sobald sie sich an Nebensachen festbeißt oder der eigene Standpunkt wichtiger wird als das, was er schützen soll.
Der Alltag7 Szenen aus dem Alltag: Wirtschaft · Politik & Staat · Medien · Bildung · Glaube & Kirche · Kunst, Kultur & Sport · Familie
Kurze Szenen aus verschiedenen Lebensbereichen: So kann dir der Wert im Alltag begegnen.
Die HerkunftAltes Testament · Neues Testament · Jüdische Auslegung · Christliche Tradition · Forschung
Der Gedanke ist alt: Woher er kommt und wie Philosophie, Religion und Weisheitstraditionen ihn gefasst haben.
Dass Integrität Kompromissfähigkeit als Gegengewicht braucht, ist keine neue Idee. Diese Stationen zeigen, wo Menschen das schon lange vor uns beschrieben haben – von den ältesten Quellen bis heute.
- 10.–2. Jh. v. Chr.Altes TestamentPsalm 15,1–4
Vor Gott bestehen kann, wer redlich lebt und „sich selbst zum Schaden schwört und hält es“ – Integrität kostet etwas.
Sprüche 11,3„Unschuld wird die Frommen leiten; aber die Bosheit wird die Verächter verstören.“
- 1. Jh.Neues TestamentMatthäus 23,3
Jesus kritisiert die religiösen Lehrer seiner Zeit: „Sie sagen’s wohl, und tun’s nicht“ – das Gegenbild zur Integrität.
- 3.–6. Jh.Jüdische AuslegungTalmud
Ein Gelehrter soll innen sein wie außen, Joma 72b; das Haus Hillel setzte sich durch, weil es „sanft und nachgiebig“ war und die Gegenmeinung zuerst lehrte, Eruvin 13b
- 13. Jh.Christliche TraditionThomas von Aquin
Heuchelei als Gegenteil der Wahrhaftigkeit, Summa II-II q. 111
- 1926–2016WertematrixHartmann · Helwig · Schulz von Thun · WEGVISORZur Geschichte der Wertematrix
Nicolai Hartmann legt 1926 den Grundgedanken, Paul Helwig gibt dem Wertequadrat seine Gestalt, Friedemann Schulz von Thun macht es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt, WEGVISOR entwickelt daraus 2016 die Wertematrix für Führung.
- 2017ForschungVIA-Stärke Ehrlichkeit/Integrität
Zu wenig davon zeigt sich als Falschheit, zu viel als Selbstgerechtigkeit (Freidlin et al., 2017).
Die Forschung3 Studien, davon 2 Metaanalysen · 2006–2015 · mit Grenzen der Forschung
Was Studien dazu zeigen – und wo ihre Aussagekraft endet.
- 2007
Eine Feldstudie fand zudem, dass Integrität in der Hierarchie „nach unten durchsickert“ und dass Schwarze Beschäftigte besonders empfindlich auf die Wort-Tat-Treue ihrer Vorgesetzten reagieren.
Simons et al., 2007
Die meisten Studien erfassen Integrität als Wahrnehmung der Mitarbeitenden in Befragungen; kausale Belege sind selten.
Das SymbolFarbe im Wappen: Silber · Senkblei (Lot) oder Haus auf dem Fels
Im Wertewappen steht jeder Wert für ein Bild in seiner Farbe: So zeigt sich der Wert im Wappen – und das bedeuten die Symbole.
- SymbolSenkblei (Lot)
Mit dem Lot prüft der Baumeister, ob eine Mauer gerade steht – es zeigt unbestechlich, ob etwas im Lot ist oder nicht. Es steht für deine Führung, wenn du innen so gerade bist, wie du wirkst.
- oder als AlternativeHaus auf dem Fels
Ein Haus auf Felsgrund ruht auf festem Fundament und hält jedem Sturm stand, auch wenn Wind und Wasser daran rütteln. Wählst du es, zeigt dein Wappen, dass dein Tun zu deinen Worten passt, gerade dann, wenn es stürmisch wird.
Farbe im Wappen: Silber
Der StandortWo stehst du auf der Achse Integrität – Kompromissfähigkeit? Mit deiner Richtung zum Wachsen
Schieb den Regler dorthin, wo du dich heute siehst, und schätze ein, wie oft du in eine Übertreibung rutschst. Daraus ergibt sich, in welche Richtung du wachsen kannst.
Verorte dich in der Matrix, dann zeigt dir der Wertecheck deine Entwicklungsrichtung.
Die Fragen3 Fragen an dich
Fragen zum Nachdenken – allein oder im Gespräch mit jemandem, dem du vertraust.
- Wo klaffen bei dir Wort und Tat gerade auseinander?
- Welches Versprechen der letzten Woche hast du nicht gehalten?
- Wo bist du so „prinzipientreu“, dass du nicht mehr zuhörst?
Nimm dir Zeit für eine Frage. Schreib die Antwort auf – oder sprich mit jemandem darüber, dem du vertraust.
Die WerkzeugeWertecheck und Wertewappen
Zwei Werkzeuge, mit denen du weiterarbeiten kannst: deine Kernwerte finden und dein eigenes Wappen gestalten.
In etwa 12 Minuten von 116 Werten zu deinen Kernwerten – ob Integrität dazugehört, zeigt dir der Vergleich mit den anderen.
Wertecheck startenDrei bis sieben Kernwerte, jeder mit seinem Symbol: daraus entsteht dein Wappen – mit Wahlspruch und ausführlichem Report.
Wertewappen erstellenSo sieht Integrität in der Praxis aus
James Burke (Johnson & Johnson)
Als vergiftete Tylenol-Kapseln sieben Menschen töteten, ließ Johnson & Johnson landesweit rund 31 Millionen Packungen zurückrufen.
Václav Havel
Der tschechische Dramatiker beschrieb 1978, wie ein Regime vom stillen Mitmachen lebt – und nahm für seine Weigerung, mitzumachen, Jahre im Gefängnis in Kauf.
Welche Werte tragen deine Führung?
In etwa 12 Minuten zu deinen Kernwerten.
Wertecheck startenGrundlage: das Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter (2016) · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung