Sichtbarkeit im Gleichgewicht
Sichtbarkeit braucht Bescheidenheit als Gegengewicht. Zu viel Sichtbarkeit wird zu Geltungssucht – der Weg zurück führt über Bescheidenheit.
Begriffe erklärt
Zielwert 58
Sichtbarkeit
„Ich zeige, was wir leisten und wofür wir stehen.“
auch Außenwirkung, Auftreten
Gemeint ist, mit Stimme und Gesicht nach außen zu gehen: Ergebnisse vorstellen, Anliegen öffentlich machen und dafür sorgen, dass die Leistung des Teams bei denen ankommt, die entscheiden. Anders als beim Selbstbewusstsein (innere Sicherheit), bei der Authentizität (sich zeigen, wie man ist) oder bei der Transparenz (Informationen offenlegen) geht es hier darum, wahrgenommen und gehört zu werden; anders als die Interessenvertretung, die für bestimmte Menschen spricht und ihre Anliegen durchsetzt, sorgt Sichtbarkeit dafür, dass Arbeit und Anliegen überhaupt wahrgenommen werden. Hilfreich, weil gute Arbeit, die niemand sieht, weder Unterstützung noch Anerkennung bekommt.
In Balance mit: Bescheidenheit. Zu viel davon: Geltungssucht. Verneint durch: Unsichtbarkeit.
Schwestertugend S58
Bescheidenheit
„Ich muss nicht glänzen und lasse anderen den Vortritt.“
auch Zurückhaltung, Understatement
Gemeint ist, die eigene Leistung nicht herauszustellen, sich im Auftreten zurückzunehmen und anderen den Vortritt zu lassen. Anders als die Demut, die das ehrliche Bild von sich selbst betrifft, geht es hier um das Auftreten vor anderen; anders als das Gönnen, das sich über den Erfolg anderer freut, geht es um den Umgang mit dem eigenen Erfolg. Hilfreich, weil Eigenlob Vertrauen kostet und ein Team aufblüht, wenn nicht immer dieselbe Person im Licht steht.
In Balance mit: Sichtbarkeit. Zu viel davon: Unsichtbarkeit. Verneint durch: Geltungssucht.
Zur Seite BescheidenheitÜbertreibung von Sichtbarkeit
Geltungssucht
„Hauptsache, alle sehen mich.“
auch Selbstdarstellung, Eitelkeit, Profilierungssucht
Verneinung der Bescheidenheit und zugleich überzogene Sichtbarkeit. Grenzwertig, weil die Bühne wichtiger wird als die Sache und das Team zur Kulisse der Führungskraft wird.
Übertreibung von: Sichtbarkeit. Verneinung von: Bescheidenheit. Entwicklungsrichtung: Bescheidenheit.
Übertreibung von Bescheidenheit
Unsichtbarkeit
„Gute Arbeit spricht für sich.“
auch Schattendasein, Tiefstapelei
Verneinung der Sichtbarkeit und zugleich überzogene Bescheidenheit. Grenzwertig, weil die Leistung des Teams übersehen wird, berechtigte Anliegen kein Gehör finden und andere die Lücke mit ihrer eigenen Geschichte füllen.
Übertreibung von: Bescheidenheit. Verneinung von: Sichtbarkeit. Entwicklungsrichtung: Sichtbarkeit.
Die Wertematrix im Detail
Sechs Themen zum Aufklappen – je nachdem, wie tief du einsteigen möchtest.
Die BegriffeSichtbarkeit · Bescheidenheit · Geltungssucht · Unsichtbarkeit
Zielwert
Sichtbarkeit
auch Außenwirkung · Auftreten
Gemeint ist, mit Stimme und Gesicht nach außen zu gehen: Ergebnisse vorstellen, Anliegen öffentlich machen und dafür sorgen, dass die Leistung des Teams bei denen ankommt, die entscheiden. Anders als beim Selbstbewusstsein (innere Sicherheit), bei der Authentizität (sich zeigen, wie man ist) oder bei der Transparenz (Informationen offenlegen) geht es hier darum, wahrgenommen und gehört zu werden; anders als die Interessenvertretung, die für bestimmte Menschen spricht und ihre Anliegen durchsetzt, sorgt Sichtbarkeit dafür, dass Arbeit und Anliegen überhaupt wahrgenommen werden. Hilfreich, weil gute Arbeit, die niemand sieht, weder Unterstützung noch Anerkennung bekommt.
Schwestertugend
Bescheidenheit
auch Zurückhaltung · Understatement
Gemeint ist, die eigene Leistung nicht herauszustellen, sich im Auftreten zurückzunehmen und anderen den Vortritt zu lassen. Anders als die Demut, die das ehrliche Bild von sich selbst betrifft, geht es hier um das Auftreten vor anderen; anders als das Gönnen, das sich über den Erfolg anderer freut, geht es um den Umgang mit dem eigenen Erfolg. Hilfreich, weil Eigenlob Vertrauen kostet und ein Team aufblüht, wenn nicht immer dieselbe Person im Licht steht.
Übertreibung von Sichtbarkeit
Geltungssucht
auch Selbstdarstellung · Eitelkeit · Profilierungssucht
Verneinung der Bescheidenheit und zugleich überzogene Sichtbarkeit. Grenzwertig, weil die Bühne wichtiger wird als die Sache und das Team zur Kulisse der Führungskraft wird.
Der Weg heraus: Richtung Bescheidenheit
Übertreibung von Bescheidenheit
Unsichtbarkeit
auch Schattendasein · Tiefstapelei
Verneinung der Sichtbarkeit und zugleich überzogene Bescheidenheit. Grenzwertig, weil die Leistung des Teams übersehen wird, berechtigte Anliegen kein Gehör finden und andere die Lücke mit ihrer eigenen Geschichte füllen.
Der Weg heraus: Richtung Sichtbarkeit
Die ÜbertreibungWann Geltungssucht sinnvoll sein kann – und woran man den Unterschied erkennt
Die Übertreibung der Sichtbarkeit heißt Geltungssucht (auch: Selbstdarstellung, Eitelkeit, Profilierungssucht). Im Führungsalltag schadet sie meist – in manchen Lagen ist sie aber angemessen:
Nach einem schweren Hochwasser sitzt die Sprecherin einer kleinen Hilfsorganisation in jeder Talkshow, gibt Interviews im Stundentakt und lässt ihr Gesicht auf die Spendenplakate drucken. Manche Kolleginnen finden das eitel – doch in den ersten Tagen nach einer Katastrophe entscheidet Aufmerksamkeit darüber, wie viel Geld für die Betroffenen zusammenkommt.
Ein parteiloser Kandidat für das Bürgermeisteramt ist zwei Monate vor der Wahl kaum bekannt. Er stellt sich an jeden Marktstand, greift auf jedem Vereinsfest zum Mikrofon und lässt sein Foto an jede Laterne hängen – mehr Selbstdarstellung, als ihm lieb ist. Wer gegen einen bekannten Amtsinhaber antritt, muss erst gesehen werden, bevor jemand seine Ideen hört.
Lautstarke Selbstdarstellung trägt, wenn sie einer Sache dient, die ohne Aufmerksamkeit scheitern würde, und wieder endet, sobald die Sache gehört wird. Sie wird zur Geltungssucht, wenn das eigene Gesicht wichtiger wird als das Anliegen, wenn die Leistung anderer als eigene erscheint oder wenn jemand das Rampenlicht auch dann sucht, wenn die Sache es längst nicht mehr braucht.
Der Alltag5 Szenen aus dem Alltag: Wirtschaft · Politik & Staat · Bildung · Glaube & Kirche · Familie
Die HerkunftAltes Testament · China · Philosophie · Neues Testament · Christliche Tradition
Dass Sichtbarkeit Bescheidenheit als Gegengewicht braucht, ist keine neue Idee. Diese Stationen zeigen, wo Menschen das schon lange vor uns beschrieben haben – von den ältesten Quellen bis heute.
- 10.–2. Jh. v. Chr.Altes TestamentSprüche 31,8
„Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind.“ Sichtbarkeit heißt auch, die Stimme für die zu erheben, die selbst kein Gehör finden.
- 5. Jh. v. Chr.ChinaKonfuzius
Sich nicht darum sorgen, dass man nicht bekannt ist, sondern darum, es wert zu sein, bekannt zu werden, Gespräche 4,14
- 4. Jh. v. Chr.PhilosophieAristoteles
Wer über sich selbst die Wahrheit sagt, hält die Mitte zwischen dem Prahler, der sich den Anschein rühmlicher Eigenschaften gibt, und dem Ironischen, der seine „wirklichen ehrenvollen Eigenschaften“ verleugnet oder verkleinert, Nikomachische Ethik IV 13
- 1. Jh.Neues TestamentMatthäus 5,14–16
„Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; so leuchtet es denn allen, die im Hause sind.“ Gute Werke sollen gesehen werden – damit andere „euren Vater im Himmel preisen“, nicht den, der sie tut.
Matthäus 10,27„Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was ihr hört in das Ohr, das predigt auf den Dächern.“ Was wichtig ist, gehört nicht ins Hinterzimmer, sondern dorthin, wo es gehört wird.
- 13. Jh.Christliche TraditionThomas von Aquin
Ruhm heißt, dass das Gute eines Menschen vielen bekannt ist und von ihnen anerkannt wird; danach zu streben ist an sich nicht falsch – eitel wird der Ruhm, wenn man ihn für Nichtiges sucht, bei Menschen mit unsicherem Urteil oder ohne rechtes Ziel wie die Ehre Gottes oder das Wohl der Nächsten, Summa theologiae II-II q. 132 a. 1
- 1956ForschungErving Goffman
1956 beschrieb der Soziologe, wie Menschen im Umgang miteinander zu steuern versuchen, welchen Eindruck andere von ihnen gewinnen – auf einer Vorderbühne, hinter der eine Hinterbühne liegt; Sichtbarkeit ist immer auch Darstellung, The Presentation of Self in Everyday Life
- 1926–2016WertematrixHartmann · Helwig · Schulz von Thun · WEGVISORZur Geschichte der Wertematrix
Nicolai Hartmann legt 1926 den Grundgedanken, Paul Helwig gibt dem Wertequadrat seine Gestalt, Friedemann Schulz von Thun macht es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt, WEGVISOR entwickelt daraus 2016 die Wertematrix für Führung.
Die Forschung3 Studien · 1992–2008 · mit Grenzen der Forschung
- 1992
Wie wichtig Sichtbarkeit nach außen für Teams ist, zeigte eine Studie, die Interviews mit 38 Leitungen von Produktentwicklungsteams und Fragebögen von 45 weiteren Teams auswertete: Die Teams warben beim Topmanagement für ihre Sicht, stimmten sich mit anderen Bereichen ab und beobachteten Technik und Markt. Entscheidend für die Leistung war nicht die Menge, sondern die Art der Außenkontakte; Teams mit einer umfassenden Strategie gerieten in einen positiven Kreislauf aus Außenarbeit, internen Abläufen und Leistung.
Ancona & Caldwell, 1992 - 2008
Auch der verbreitete Verdacht, wer öffentlich auftrete, vernachlässige die eigentliche Arbeit, bestätigte sich in der Wissenschaft nicht: Unter mehreren Tausend Forschenden des französischen CNRS waren diejenigen, die ihre Arbeit in die Öffentlichkeit trugen, auch wissenschaftlich aktiver; auf ihre Karriere wirkte sich das Engagement kaum aus – weder positiv noch negativ.
Jensen et al., 2008 - 1998
Dazu kommt ein ungleicher Preis: In drei Experimenten wurden Frauen, die sich selbst herausstellten, zwar als kompetenter eingeschätzt, büßten aber an Sympathie und an Chancen auf eine Einstellung ein. Sichtbarkeit wirkt deshalb am besten, wenn sie die Arbeit des Teams zeigt – und wenn Führungskräfte auch andere sichtbar machen.
Rudman, 1998
Die Grenze zur Geltungssucht: Wer sich selbst lobt, überschätzt, wie sehr sich andere mitfreuen, und unterschätzt, wie sehr sie sich ärgern – Selbstdarstellung geht deshalb oft nach hinten los und lässt einen weniger sympathisch wirken (Scopelliti, Loewenstein & Vosgerau, 2015).
Die FragenYOUR HEART · 3 Fragen an dich
- Wer außerhalb deines Teams weiß eigentlich, was ihr im letzten halben Jahr geleistet habt?
- Wann hast du zuletzt jemand anderen aus deinem Team vor den Entscheidern sprechen lassen?
- Und wo meidest du einen Auftritt, den deine Sache dringend bräuchte?
Nimm dir Zeit für eine Frage. Schreib die Antwort auf – oder sprich mit jemandem darüber, dem du vertraust.
So sieht Sichtbarkeit in der Praxis aus
Greenpeace (Brent Spar)
1995 besetzte Greenpeace einen ausgedienten Öltank in der Nordsee, den Shell im Atlantik versenken wollte, und machte daraus ein Thema für ganz Europa.
Kathrine Switzer (Boston-Marathon)
1967 lief Kathrine Switzer als erste offiziell gemeldete Frau den Boston-Marathon, obwohl ein Funktionär ihr unterwegs die Startnummer abreißen wollte.
Welche Werte tragen deine Führung?
In etwa 15 Minuten zu deinen Kernwerten.
Wertecheck startenSichtbarkeit im Wappen
Farbe im Wappen: Silber
- SymbolLeuchtturm
Ein Leuchtturm steht an der Küste, damit man ihn von Weitem sieht und sicher seinen Weg findet. Wählst du ihn, steht dein Wappen dafür, dass du das Gute, das dein Team leistet, nicht versteckst, sondern so zeigst, dass es anderen Orientierung gibt.
- oder als AlternativeHifthorn
Das Hifthorn ist das Jagd- und Signalhorn der Wappenkunst, mit dem man sich über weite Entfernung Gehör verschaffte. Wählst du es, zeigst du, dass du die Anliegen deines Teams hörbar machst und deine Stimme dort erhebst, wo eure Arbeit sonst übersehen würde.
Drei bis sieben Kernwerte, jeder mit seinem Symbol: daraus entsteht dein persönliches Wappen – mit Wahlspruch und ausführlichem Report.
Wertewappen erstellenGrundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung