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Beispiel zum WertRegeltreue (53)

Kunst, Kultur & Sport

Wie das DFB-Sportgericht ein Phantomtor gelten ließ

2013 zählte in der Bundesliga ein Kopfballtor, obwohl der Ball durch ein Loch im Außennetz ins Tor gerutscht war – und das DFB-Sportgericht ließ das Ergebnis stehen.

Zwischen goldenen Schienen zieht eine Reihe gleichmäßig durch ein Tor, jeder wird gleich geprüft; wer sich von außen vordrängen will, prallt ab und stellt sich hinten an. Wachsen Tore und Prüfungen, staut sich alles und ein großer Sonderfall bleibt im engen Tor stecken – bis die Schiene sich neben dem Tor öffnet und ihn durchlässt.
Kurz gesagt

2013 zählte in der Bundesliga ein Kopfballtor, obwohl der Ball durch ein Loch im Außennetz ins Tor gerutscht war – und das DFB-Sportgericht ließ das Ergebnis stehen. Das zeigt Regeltreue in ihrer unbequemsten Form: Eine Regel gilt auch dann, wenn sie im Einzelfall ein offensichtlich falsches Ergebnis bestätigt.

3 Min. Lesezeit4 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt

Am 18. Oktober 2013 spielte die TSG 1899 Hoffenheim gegen Bayer 04 Leverkusen. In der 70. Minute flog ein Kopfball von Stefan Kießling knapp am Pfosten vorbei, traf das Außennetz und rutschte durch ein Loch ins Tor. Schiedsrichter Felix Brych gab den Treffer nach Rücksprache mit seinen Assistenten; Leverkusen gewann 2:1.

Ein Ball rutscht durch ein Loch im Außennetz ins Tor, die goldene Torlinie gilt trotzdem – wie beim Phantomtor vor dem Sportgericht.
Ein Ball rutscht durch ein Loch im Außennetz ins Tor, die goldene Torlinie gilt trotzdem – wie beim Phantomtor vor dem Sportgericht.

Der Einspruch

Situation
Hoffenheim legte Einspruch ein und verlangte ein Wiederholungsspiel. Nach der Rechts- und Verfahrensordnung des DFB ist ein Einspruch gegen die Spielwertung nur bei einem Regelverstoß des Schiedsrichters möglich, der das Ergebnis wahrscheinlich beeinflusst hat – nicht bei einer Tatsachenentscheidung, bei der er die richtige Regel auf ein falsch wahrgenommenes Geschehen anwendet. Am 28. Oktober 2013 wies das Sportgericht unter Hans E. Lorenz den Einspruch zurück: Brych habe keine Regel verletzt, sondern eine unanfechtbare Tatsachenentscheidung getroffen; das Urteil sei sportlich vielleicht unbefriedigend, entspreche aber den Regeln. Den Vorwurf eines Regelverstoßes hatte Hoffenheim schon im Verfahren fallen gelassen.
Bezug zum Wert
Regeltreue heißt hier, nicht den sichtbaren Einzelfall zu „reparieren“, sondern den Grundsatz zu schützen, dass Spiele auf dem Platz entschieden werden – nach denselben Maßstäben für alle Vereine. Nach Darstellung der TSG entsprach das Urteil der Haltung der FIFA, nach der die Entscheidung des Schiedsrichters über Spielsituationen endgültig ist, einschließlich der Anerkennung eines Tores.

Die Erfahrung von 1994

Situation
Am 23. April 1994 hatte im Spiel FC Bayern gegen 1. FC Nürnberg ein Tor von Thomas Helmer gezählt, obwohl der Ball am Pfosten vorbeigegangen war. Damals ordnete das Sportgericht eine Wiederholung an; Bayern gewann sie 5:0, Nürnberg stieg ab, Bayern wurde Meister. Begründet wurde die Wiederholung mit einem Regelverstoß des Schiedsrichters – eine Begründung, die ein Beitrag der Legal Tribune Online 2013 als gewunden und letztlich unzutreffend bewertete.
Bezug zum Wert
Eine gut gemeinte Ausnahme im Einzelfall kann neue Ungleichheit schaffen – für die Mannschaft, die dadurch absteigt, und für jeden Verein, der beim nächsten Fehlurteil dieselbe Ausnahme verlangt.

Die Regel ändern statt umgehen

Situation
Hoffenheim akzeptierte das Urteil und schrieb: „Die #tsg1899 akzeptiert nach eingehender Prüfung das DFB-Urteil und wird keine rechtlichen Schritte gegen dieses einlegen.“ Im Dezember 2014 stimmten die Bundesligavereine dafür, die Torlinientechnik einzuführen; seit Beginn der Saison 2015/16 ist das System Hawk-Eye im Einsatz.
Bezug zum Wert
Regeltreue ist kein Stillstand. Wenn eine Regel schlechte Ergebnisse bringt, ändert man sie im vorgesehenen Verfahren – für alle und für die Zukunft, nicht nachträglich für einen.

Die andere Seite

Ein offensichtlich irreguläres Tor blieb gültig, und Hoffenheims Vorsitzender Peter Rettig sah in dem Urteil weiterhin ein falsches Signal für den Fußball. Kießling wurde vorgeworfen, er habe gesehen, wie der Ball von der Seite ins Netz ging, und es dem Schiedsrichter verschwiegen – was er entschieden bestritt. Später sagte er: „Es gab Beschimpfungen, sogar Drohungen.“ Regeltreue nimmt in Kauf, dass ein Einzelfall ungerecht ausgeht – und den Preis zahlen manchmal Menschen, die gar nicht entschieden haben.

Das nimmst du mit

Was du daraus lernen kannst

  1. Grundsatz vor EinzelfallPrüfe vor jeder Ausnahme, ob du sie beim nächsten Mal auch jedem anderen gewähren würdest.
  2. Unbequem begründenSag offen, wenn eine Entscheidung unbefriedigend ist, aber regelgerecht – das schafft mehr Vertrauen als eine gewundene Sonderlösung.
  3. Regeln verbessernNutze ein schlechtes Ergebnis, um die Regel für alle zu ändern, statt sie im Nachhinein zu biegen.
Zurück zur Grundlage

Lies nach, was hinter Regeltreue steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Urteilskraft.

Grundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung

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