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Beispiel zum WertInteressenvertretung (S55)

Politik & Staat

Wie Elisabeth Selbert die Gleichberechtigung ins Grundgesetz brachte

Die Kasseler Juristin Elisabeth Selbert scheiterte 1948 im Parlamentarischen Rat zweimal mit dem Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“.

Ein goldener Punkt geht für seine Gruppe in die gemeinsame Mitte und holt ihren Anteil, sie leuchtet auf. Zieht er alles zu den Seinen, leert sich die Mitte, seine Gruppe schwillt an, die anderen verblassen und der Rand um das Ganze zerbricht – bis ein Ring das Ganze wieder umfasst und die Mitte allen zufließt.
Kurz gesagt

Die Kasseler Juristin Elisabeth Selbert scheiterte 1948 im Parlamentarischen Rat zweimal mit dem Satz „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Dann holte sie sich Rückhalt bei den Frauen im Land, und im Januar 1949 wurde der Satz ohne Gegenstimme angenommen – Interessenvertretung, die aus einem Anliegen ein Grundrecht machte.

2 Min. Lesezeit4 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt

Elisabeth Selbert wurde 1896 in Kassel geboren. Mit 30 Jahren und als Mutter von zwei Söhnen holte sie das Abitur nach, studierte Rechtswissenschaften in Marburg und Göttingen und wurde 1934 als Rechtsanwältin zugelassen, kurz bevor Frauen aus dem Anwaltsberuf ausgeschlossen wurden. 1948 entsandte Niedersachsen die Sozialdemokratin in den Parlamentarischen Rat. Unter seinen 65 stimmberechtigten Mitgliedern waren vier Frauen.

Zwei Anläufe prallen ab, beim dritten tragen viele kleine Briefe eine goldene Zeile in den Rahmen – wie Elisabeth Selbert.
Zwei Anläufe prallen ab, beim dritten tragen viele kleine Briefe eine goldene Zeile in den Rahmen – wie Elisabeth Selbert.

Zu eng gefasst

Situation
Der Entwurf sah zunächst nur vor: „Männer und Frauen haben dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten.“ Für Selbert war das zu eng: Sie wollte die volle Gleichberechtigung der Frauen auf allen Gebieten in der Verfassung festschreiben. Ihre Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ brachte Frieda Nadig am 30. November 1948 im Grundsatzausschuss ein – ohne Erfolg. Am 3. Dezember warb Selbert im Hauptausschuss selbst dafür; der Antrag scheiterte mit 9 zu 11 Stimmen. Auch in ihrer eigenen SPD-Fraktion fürchteten Nadig und andere ein Rechtschaos, weil das Bürgerliche Gesetzbuch umfassend geändert werden müsste.
Bezug zum Wert
Interessenvertretung braucht einen klaren Maßstab. Selbert gab sich nicht mit einer Formel zufrieden, die gut klang, aber den Alltag der Frauen nicht verändert hätte.

Rückhalt von außen

Situation
Selbert reiste durchs Land, sprach vor Frauengruppen und knüpfte Kontakte zu berufsständischen, kirchlichen und gewerkschaftlichen Frauenorganisationen. Daraufhin erreichte den Parlamentarischen Rat eine Fülle von Zuschriften. Theodor Heuss sprach abschätzig von einem „Quasi-Stürmlein“, das ihn nicht beeindruckt habe; Helene Weber von der CDU dagegen nannte es einen „Sturm“. In der SPD kam die Zustimmung, nachdem eine Übergangsbestimmung vereinbart war und Parteichef Kurt Schumacher zugestimmt hatte.
Bezug zum Wert
Wer andere vertritt, gewinnt Kraft, wenn die Vertretenen selbst ihre Stimme erheben. Selbert machte aus ihrem Antrag das Anliegen vieler.

Die Sternstunde

Situation
Am 18. Januar 1949 nahm der Hauptausschuss den Satz einstimmig an, das Plenum folgte am 8. Mai 1949. Selbert nannte diesen Erfolg später „die Sternstunde meines Lebens“. Heute steht der Satz als Artikel 3 Absatz 2 im Grundgesetz.
Bezug zum Wert
Gute Interessenvertretung zielt auf Regeln, die dauerhaft gelten. Ein Grundrecht schützt auch die, die beim Ringen darum nicht dabei waren.

Die andere Seite

Mit dem Verfassungssatz war die Gleichberechtigung noch nicht Wirklichkeit. Die Übergangsfrist bis Ende März 1953 ließ der Gesetzgeber verstreichen; das Gleichberechtigungsgesetz beschloss der Bundestag erst am 3. Mai 1957. Selbert selbst verpasste 1949 knapp den Einzug in den Bundestag und wirkte danach bis 1958 im Hessischen Landtag.

Das nimmst du mit

Was du daraus lernen kannst

  1. Maßstab haltenLass dich nicht mit Formulierungen abspeisen, die deinen Leuten nichts verändern.
  2. Betroffene beteiligenHol dir Rückhalt bei denen, für die du sprichst – ihre Stimmen wiegen mehr als deine allein.
  3. DranbleibenEin gewonnener Grundsatz ist erst der Anfang; achte darauf, dass er auch umgesetzt wird.
Zurück zur Grundlage

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