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Beispiel zum WertGemeinwohlorientierung (55)

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Wie Marion Gräfin Dönhoff für die Versöhnung mit Polen ihre Heimat verloren gab

Die Chefredakteurin der Zeit, selbst 1945 aus Ostpreußen geflohen, verteidigte 1970 den Warschauer Vertrag, der die Oder-Neiße-Grenze faktisch anerkannte – und damit den Verlust ihrer Heimat.

Ein goldener Punkt tritt aus seiner Gruppe in die Mitte, ein goldener Ring umfasst das Ganze, und aus der gemeinsamen Mitte fließt allen gleich viel zu. Wird der Ring weit und blass, verlieren die Gruppen ihre Gestalt, die eigene zuerst – bis eine Verbindung zur eigenen Gruppe sie wieder fasst und ihre Stimme in die Mitte trägt.
Kurz gesagt

Die Chefredakteurin der Zeit, selbst 1945 aus Ostpreußen geflohen, verteidigte 1970 den Warschauer Vertrag, der die Oder-Neiße-Grenze faktisch anerkannte – und damit den Verlust ihrer Heimat. Ihr Beispiel zeigt, dass Gemeinwohlorientierung manchmal heißt, gegen die Interessen der eigenen Herkunftsgruppe zu schreiben.

2 Min. Lesezeit4 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt

Marion Gräfin Dönhoff wurde 1909 auf Schloss Friedrichstein in Ostpreußen geboren. Im Januar 1945 floh sie vor der Roten Armee, etwa sieben Wochen und rund 1.200 Kilometer zu Pferd, bis nach Westfalen. Seit 1946 schrieb sie für die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit, leitete später das Politikressort, war von 1968 bis 1972 Chefredakteurin und danach bis zu ihrem Tod 2002 Mitherausgeberin.

Ein Fluss als Grenze, jenseits verblasst ein Haus, über das Wasser spannt sich ein goldener Bogen – wie Marion Gräfin Dönhoff.
Ein Fluss als Grenze, jenseits verblasst ein Haus, über das Wasser spannt sich ein goldener Bogen – wie Marion Gräfin Dönhoff.

Ein langer Weg

Situation
Dönhoff kam nicht leicht zu ihrer Haltung. 1949 nannte sie die Oder-Neiße-Grenze völkerrechtswidrig, 1959 lehnte sie eine Verzichtserklärung der Bundesregierung auf die Ostgebiete kategorisch ab. Noch 1965 gestand sie in einem Brief, dass sie den Verlust ihrer Heimat kaum verkraften würde. Seit den frühen 1960er-Jahren warb sie in der Zeit aber zunehmend für eine Entspannung mit den Staaten Osteuropas.
Bezug zum Wert
Gemeinwohlorientierung wächst oft gegen das eigene Gefühl. Dönhoff ließ zu, dass ihr Urteil über das, was dem Frieden dient, ihr persönliches Interesse überholte.

Ein Kreuz auf Preußens Grab

Situation
Am 20. November 1970, kurz vor der Unterzeichnung des deutsch-polnischen Vertrags, erschien ihr Leitartikel „Ein Kreuz auf Preußens Grab“. Sie verteidigte Willy Brandt gegen den Vorwurf, die Regierung habe deutsches Land verschenkt, und benannte den Verantwortlichen: „Es war Adolf Hitler, dessen Brutalität und Größenwahn 700 Jahre deutscher Geschichte auslöschten.“ Und weiter: „Niemand kann heute mehr hoffen, dass die verlorenen Gebiete je wieder deutsch sein werden.“ Den Text nannte sie einen moralischen Kraftakt, über den sie eine ganze Nacht geweint habe.
Bezug zum Wert
Sie schrieb nicht als Anwältin ihrer Herkunft, sondern mit Blick auf das Ganze: das Verhältnis zu einem Nachbarn, dem Deutschland unermessliches Leid zugefügt hatte.

Kein Glas auf den Verlust

Situation
Brandt lud Dönhoff ein, ihn zur Unterzeichnung am 7. Dezember 1970 nach Warschau zu begleiten. Sie sagte zu – und einen Tag vor der Reise ab. Den Vertrag hielt sie für richtig, aber: „ein Glas auf den Abschluss des Vertrages zu trinken, das erschien mir plötzlich mehr, als man ertragen kann.“ In einem Brief nannte sie sich selbst „feige“, weil sie nicht mitfuhr.
Bezug zum Wert
Wer das Gemeinwohl über das Eigene stellt, muss den Schmerz darüber nicht verleugnen. Man kann eine Entscheidung tragen und trotzdem um das trauern, was sie kostet.

Die andere Seite

Bei den Vertriebenenverbänden galt Dönhoff wegen ihrer Unterstützung der Ostpolitik als „Verräterin“ – viele Menschen, die wie sie ihre Heimat verloren hatten, fühlten sich von ihr nicht vertreten. Auch ihr politisches Urteil war nicht unfehlbar: Ihr Biograf Klaus Harpprecht hielt ihr Bild einer lebensfähigen DDR wenige Jahre vor deren Zusammenbruch für einen Irrtum. Anerkennung fand ihr Einsatz dennoch: 1971 erhielt sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für ihren Einsatz für eine Politik der Aussöhnung.

Das nimmst du mit

Was du daraus lernen kannst

  1. Eigenes Interesse benennenFrag dich bei großen Entscheidungen, wo dein persönlicher Verlust dein Urteil über das Ganze färbt.
  2. Haltung entwickeln dürfenAuch eine Führungskraft darf ihre Meinung ändern, wenn sie erkennt, was dem Frieden dient – sie sollte nur offen sagen, warum.
  3. Trauer zulassenDu kannst eine richtige Entscheidung vertreten und trotzdem zeigen, was sie dich kostet.
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