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55Zielwert

Gemeinwohl­orien­tierung

„Ich frage, was dem Ganzen dient, nicht nur meiner Gruppe.“

Bei jeder Entscheidung fragen, was dem Ganzen dient – der Organisation, der Gemeinde, der Gesellschaft – und dafür auch den eigenen Leuten etwas zumuten, ohne ihnen die Treue aufzukündigen.

Ein goldener Punkt tritt aus seiner Gruppe in die Mitte, ein goldener Ring umfasst das Ganze, und aus der gemeinsamen Mitte fließt allen gleich viel zu. Wird der Ring weit und blass, verlieren die Gruppen ihre Gestalt, die eigene zuerst – bis eine Verbindung zur eigenen Gruppe sie wieder fasst und ihre Stimme in die Mitte trägt.
Kurz gesagt

Ich frage, was dem Ganzen dient, nicht nur meiner Gruppe.

Was Gemeinwohlorientierung bedeutetBei jeder Entscheidung fragen, was dem Ganzen dient – der Organisation, der Gemeinde, der Gesellschaft – und dafür auch den eigenen Leuten etwas zumuten, ohne ihnen die Treue aufzukündigen.

Umfasst auchBürgersinnSoziale VerantwortungEhrenamt

Die Wertematrix

Gemeinwohlorientierung im Gleichgewicht

Gemeinwohlorientierung braucht Interessenvertretung als Gegengewicht. Zu viel Gemeinwohlorientierung wird zu Profillosigkeit – der Weg zurück führt über Interessenvertretung.

In Balance

Begriffe erklärt

Zielwert 55

Gemein­wohl­orien­tie­rung

„Ich frage, was dem Ganzen dient, nicht nur meiner Gruppe.“

auch Gemeinsinn, Blick fürs Ganze

Gemeint ist, das Wohl des Ganzen über Teilinteressen zu stellen – auch über die der eigenen Abteilung, Partei oder Klientel. Anders als die Nachhaltigkeit, die auf kommende Generationen schaut, geht es um das Verhältnis von Teil und Ganzem heute; anders als die Nächstenliebe nicht um den einzelnen Menschen in Not, sondern um die gemeinsame Ordnung. Hilfreich, weil eine Organisation zerfällt, wenn jeder Bereich nur noch für sich rechnet.

In Balance mit: Interessenvertretung. Zu viel davon: Profillosigkeit. Verneint durch: Klientelismus.

Schwestertugend S55

Interessenvertre­tung

„Ich setze mich klar für die ein, die ich vertrete.“

auch Fürsprache, Anwalt­schaft

Gemeint ist, die Anliegen der eigenen Leute, Mitglieder, Wählerinnen und Wähler, Kunden oder Schutzbefohlenen hörbar zu machen und wirksam durchzusetzen. Anders als die Treue, die an Personen bindet, ist sie ein Auftrag: Man spricht für andere. Hilfreich, weil sich abwendet, wer sich nicht vertreten fühlt – und weil Schwache ohne Fürsprecher überhört werden.

In Balance mit: Gemeinwohlorientierung. Zu viel davon: Klientelismus. Verneint durch: Profillosigkeit.

Zur Seite Interessenvertretung

Übertreibung von Gemeinwohlorientierung

Profil­losigkeit

„Ich will es allen recht machen.“

auch Kontur­losigkeit, Mandatsscheu

Verneinung der Interessenvertretung und zugleich überzogene Gemeinwohlorientierung. Grenzwertig, weil die eigenen Leute niemanden mehr haben, der für sie spricht, und das „Wohl aller“ zur Ausrede wird, sich nie festzulegen.

Übertreibung von: Gemeinwohlorientierung. Verneinung von: Interessenvertretung. Entwicklungsrichtung: Interessenvertretung.

Übertreibung von Interessenvertretung

Klientel­ismus

„Hauptsache, unsere Leute kommen gut weg.“

auch Lobbyismus, Vettern­wirt­schaft

Verneinung der Gemeinwohlorientierung und zugleich überzogene Interessenvertretung. Grenzwertig, weil Vorteile für die Eigenen auf Kosten aller gehen und das Vertrauen in faire Entscheidungen zerstören.

Übertreibung von: Interessenvertretung. Verneinung von: Gemeinwohlorientierung. Entwicklungsrichtung: Gemeinwohlorientierung.

Vertiefung

Die Wertematrix im Detail

Sechs Themen zum Aufklappen – je nachdem, wie tief du einsteigen möchtest.

Die BegriffeGemeinwohlorientierung · Interessenvertretung · Profillosigkeit · Klientelismus

Zielwert

Gemeinwohl­orien­tierung

auch Gemeinsinn · Blick fürs Ganze

Gemeint ist, das Wohl des Ganzen über Teilinteressen zu stellen – auch über die der eigenen Abteilung, Partei oder Klientel. Anders als die Nachhaltigkeit, die auf kommende Generationen schaut, geht es um das Verhältnis von Teil und Ganzem heute; anders als die Nächstenliebe nicht um den einzelnen Menschen in Not, sondern um die gemeinsame Ordnung. Hilfreich, weil eine Organisation zerfällt, wenn jeder Bereich nur noch für sich rechnet.

Schwestertugend

Interessen­vertretung

auch Fürsprache · Anwaltschaft

Gemeint ist, die Anliegen der eigenen Leute, Mitglieder, Wählerinnen und Wähler, Kunden oder Schutzbefohlenen hörbar zu machen und wirksam durchzusetzen. Anders als die Treue, die an Personen bindet, ist sie ein Auftrag: Man spricht für andere. Hilfreich, weil sich abwendet, wer sich nicht vertreten fühlt – und weil Schwache ohne Fürsprecher überhört werden.

Übertreibung von Gemeinwohlorientierung

Profil­losig­keit

auch Konturlosigkeit · Mandatsscheu

Verneinung der Interessenvertretung und zugleich überzogene Gemeinwohlorientierung. Grenzwertig, weil die eigenen Leute niemanden mehr haben, der für sie spricht, und das „Wohl aller“ zur Ausrede wird, sich nie festzulegen.

Der Weg heraus: Richtung Interessenvertretung

Übertreibung von Interessenvertretung

Klientel­ismus

auch Lobbyismus · Vetternwirtschaft

Verneinung der Gemeinwohlorientierung und zugleich überzogene Interessenvertretung. Grenzwertig, weil Vorteile für die Eigenen auf Kosten aller gehen und das Vertrauen in faire Entscheidungen zerstören.

Der Weg heraus: Richtung Gemeinwohlorientierung

Die ÜbertreibungWann Profillosigkeit sinnvoll sein kann – und woran man den Unterschied erkennt

Die Übertreibung der Gemeinwohlorientierung heißt Profillosigkeit (auch: Konturlosigkeit, Mandatsscheu). Im Führungsalltag schadet sie meist – in manchen Lagen ist sie aber angemessen:

Politik & Staat

Eine Abgeordnete wird zur Präsidentin ihres Landtags gewählt. Im Plenum ruft sie Abgeordnete der eigenen Fraktion genauso zur Ordnung wie die der Opposition und lässt sich in Streitfragen von niemandem als Stimme ihrer Partei vereinnahmen. Wer das Haus für alle leitet, darf für die Zeit dieses Amtes niemandes Anwältin sein.

Wirtschaft

Nach der Fusion zweier Kliniken übernimmt ein Geschäftsführer die Leitung, der aus einem der beiden Häuser kommt. Im ersten Jahr bevorzugt er bewusst keine Seite, besetzt Leitungsstellen gemischt und verweigert jede Aussage, welches Haus „das bessere“ sei. Bis die neue Gemeinschaft gewachsen ist, ist sein betontes „Ich bin für alle da“ genau die richtige Haltung.

Woran man den Unterschied erkennt

Profillosigkeit trägt, wo ein Amt ausdrücklich Unparteilichkeit verlangt oder ein Übergang befristet Neutralität braucht – und alle wissen, dass in dieser Rolle niemand vertreten wird. Sie schadet, sobald jemand ein Mandat für bestimmte Menschen hat und es aus Scheu vor Konflikten nicht wahrnimmt.

Der Alltag5 Szenen aus dem Alltag: Wirtschaft · Bildung · Glaube & Kirche · Kunst, Kultur & Sport · Familie
Die HerkunftAltes Testament · China · Philosophie · Neues Testament · Jüdische Auslegung

Dass Gemeinwohlorientierung Interessenvertretung als Gegengewicht braucht, ist keine neue Idee. Diese Stationen zeigen, wo Menschen das schon lange vor uns beschrieben haben – von den ältesten Quellen bis heute.

  1. 10.–2. Jh. v. Chr.
    Altes Testament
    Sprüche 11,26

    „Wer Korn innehält, dem fluchen die Leute; aber Segen kommt über den, der es verkauft.“ Wer in der Not für sich behält, was alle brauchen, schadet dem Gemeinwesen.

    Sprüche 11,11

    „Durch den Segen der Frommen wird eine Stadt erhoben; aber durch den Mund der Gottlosen wird sie zerbrochen.“ Wie Einzelne handeln, entscheidet mit darüber, ob ein Gemeinwesen trägt.

  2. 5. Jh. v. Chr.
    China
    Konfuzius

    Der Edle ist umfassend und nicht parteiisch, der Gemeine parteiisch und nicht umfassend, Lunyu 2,14

  3. 4. Jh. v. Chr.
    Philosophie
    Aristoteles

    Richtig sind die Verfassungen, in denen einer, wenige oder viele mit Blick auf das gemeinsame Wohl regieren; Tyrannis, Oligarchie und Demokratie dagegen dienen dem Vorteil des Herrschers, der Reichen oder der Bedürftigen – keine von ihnen dem Wohl aller, Politik III,7

  4. 1. Jh.
    Neues Testament
    1. Korinther 12,25

    „… auf dass nicht eine Spaltung im Leibe sei, sondern die Glieder füreinander gleich sorgen.“ Im Bild vom Leib gibt es kein Wohl eines Teils, das am Ganzen vorbeigeht.

  5. um 200
    Jüdische Auslegung
    Mischna

    Hillel: Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Und wenn ich nur für mich bin, was bin ich? – die Spannung zwischen beiden Werten in zwei Sätzen, Avot 1,14

  6. 13. Jh.
    Christliche Tradition
    Thomas von Aquin

    Jedes Gesetz ist auf das Gemeinwohl hingeordnet; Gesetz ist eine Anordnung der Vernunft zum Gemeinwohl, erlassen von dem, der für die Gemeinschaft Sorge trägt, Summa theologiae I-II, q. 90

  7. 1926–2016
    Wertematrix
    Hartmann · Helwig · Schulz von Thun · WEGVISOR

    Nicolai Hartmann legt 1926 den Grundgedanken, Paul Helwig gibt dem Wertequadrat seine Gestalt, Friedemann Schulz von Thun macht es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt, WEGVISOR entwickelt daraus 2016 die Wertematrix für Führung.

    Zur Geschichte der Wertematrix
Die Forschung2 Metaanalysen · 2009–2015 · mit Grenzen der Forschung
2 Metaanalysen2009–2015 Zeitraum
  1. 2009
    Metaanalyse82 Studienr = .30

    Eine Metaanalyse von 82 Studien zeigte: Menschen, denen das gemeinsame Ergebnis wichtiger ist als der eigene Vorteil (prosoziale Wertorientierung), kooperieren in sozialen Dilemmata – Lagen, in denen der Eigennutz des Einzelnen allen schadet – häufiger als andere; der Zusammenhang lag insgesamt bei r = .30 und war stärker, wenn die Teilnehmenden für ihre Entscheidungen nicht bezahlt wurden (r = .39 gegenüber .23).

    Balliet, Parks & Joireman, 2009
  2. 2015
    Metaanalyse28 Studien

    Eine Metaanalyse von 28 Studien fand einen positiven Zusammenhang zwischen der Motivation, der Allgemeinheit zu dienen (Public Service Motivation), und der Arbeitszufriedenheit; die Autoren folgern, dass er stärker wird, wenn Menschen in ihrer Arbeit auch tatsächlich Gelegenheit dazu haben. Wer das Ganze im Blick hat, muss den eigenen Leuten also erkennbar bleiben, sonst bekommt er Beifall, aber keine Gefolgschaft.

    Homberg, McCarthy & Tabvuma, 2015
Wo die Forschung an Grenzen stößt

Eine Grenze zeigen zwei Experimente von Haslam und Platow: Einer Führungskraft, die keine Haltung in der Gruppe bevorzugte, gaben die Teilnehmenden zwar ähnlich viel Zustimmung wie einer, die die gemeinsame Identität der Gruppe bestärkte – für die Pläne der unparteiischen Führungskraft mit eigenen Argumenten eintreten wollten sie aber nicht (Haslam & Platow, 2001).

Die FragenYOUR HEART · 3 Fragen an dich
  1. Wann hast du zuletzt eine Entscheidung getroffen, die deinem Bereich schadet, aber dem Ganzen nützt – und hast du sie deinen Leuten ins Gesicht erklärt?
  2. Wo sagst du „Gemeinwohl“, wenn du in Wahrheit nur keinen Streit willst?
  3. Und wüssten deine Leute, wofür du im Zweifel für sie einstehst?

Nimm dir Zeit für eine Frage. Schreib die Antwort auf – oder sprich mit jemandem darüber, dem du vertraust.

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Wertewappen

Gemeinwohlorientierung im Wappen

Farbe im Wappen: Purpur

  • SymbolMauerkrone

    Die Mauerkrone mit Zinnen und Türmen krönt in der Wappenkunde keinen Herrscher, sondern eine Stadt; schon in der Antike trugen sie Göttinnen wie Tyche, die das Glück einer Stadt verkörperte. Wählst du sie, steht dein Wappen für eine Führung, die das Wohl des ganzen Gemeinwesens über das einzelner Gruppen stellt.

  • oder als AlternativeGestrichenes Maß (Gomer)

    Ein gestrichenes Maß ist bis zum Rand gefüllt, aber nicht gehäuft – es misst allen gleich zu. Es steht für deine Führung, wenn du darauf achtest, dass im Ganzen alle genug bekommen und nicht nur die, die am lautesten fordern.

Drei bis sieben Kernwerte, jeder mit seinem Symbol: daraus entsteht dein persönliches Wappen – mit Wahlspruch und ausführlichem Report.

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Grundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung

Häufige Fragen

Fragen zu Gemeinwohlorientierung

Was bedeutet Gemeinwohlorientierung?

Bei jeder Entscheidung fragen, was dem Ganzen dient – der Organisation, der Gemeinde, der Gesellschaft – und dafür auch den eigenen Leuten etwas zumuten, ohne ihnen die Treue aufzukündigen. Der Ich-Satz dazu: „Ich frage, was dem Ganzen dient, nicht nur meiner Gruppe.“

Was ist die Schwestertugend von Gemeinwohlorientierung?

Interessenvertretung (S55). Gemeint ist, die Anliegen der eigenen Leute, Mitglieder, Wählerinnen und Wähler, Kunden oder Schutzbefohlenen hörbar zu machen und wirksam durchzusetzen. Anders als die Treue, die an Personen bindet, ist sie ein Auftrag: Man spricht für andere. Hilfreich, weil sich abwendet, wer sich nicht vertreten fühlt – und weil Schwache ohne Fürsprecher überhört werden.

Was ist die Übertreibung von Gemeinwohlorientierung?

Profillosigkeit (auch: Konturlosigkeit, Mandatsscheu). Verneinung der Interessenvertretung und zugleich überzogene Gemeinwohlorientierung. Grenzwertig, weil die eigenen Leute niemanden mehr haben, der für sie spricht, und das „Wohl aller“ zur Ausrede wird, sich nie festzulegen.

Wann ist die Übertreibung sinnvoll?

Profillosigkeit trägt, wo ein Amt ausdrücklich Unparteilichkeit verlangt oder ein Übergang befristet Neutralität braucht – und alle wissen, dass in dieser Rolle niemand vertreten wird. Sie schadet, sobald jemand ein Mandat für bestimmte Menschen hat und es aus Scheu vor Konflikten nicht wahrnimmt.

Was sagt die Forschung zu Gemeinwohlorientierung?

Eine Metaanalyse von 82 Studien zeigte: Menschen, denen das gemeinsame Ergebnis wichtiger ist als der eigene Vorteil (prosoziale Wertorientierung), kooperieren in sozialen Dilemmata – Lagen, in denen der Eigennutz des Einzelnen allen schadet – häufiger als andere; der Zusammenhang lag insgesamt bei r = .30 und war stärker, wenn die Teilnehmenden für ihre Entscheidungen nicht bezahlt wurden (r = .39 gegenüber .23) (Ba …

Welche Beispiele gibt es für Gemeinwohlorientierung?

Zum Beispiel: Robert Peel (Großbritannien), Marion Gräfin Dönhoff (Die Zeit).

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