Werte
Blog
  1. Start
  2. Beispiele
  3. Wie Voltaire im Fall Calas die Toleranz zur öffentlichen Sache machte

Beispiel zum WertToleranz (S56)

Medien

Wie Voltaire im Fall Calas die Toleranz zur öffentlichen Sache machte

1762 wurde in Toulouse ein protestantischer Kaufmann nach einem Urteil voller Vorurteile hingerichtet; Voltaire kämpfte öffentlich um seine Rehabilitierung.

Verschiedene Formen drängen sich aneinander; ein goldener Rand weitet sich und gibt jeder ihren Platz, jede bleibt, wie sie ist. Löst sich der Rand auf, zerfließen alle Formen und auch die eigene Säule in der Mitte zu gleichförmigem Nebel – bis sich dort wieder eine Haltung aufrichtet und die Formen ihre Gestalt zurückgewinnen.
Kurz gesagt

1762 wurde in Toulouse ein protestantischer Kaufmann nach einem Urteil voller Vorurteile hingerichtet; Voltaire kämpfte öffentlich um seine Rehabilitierung. Sein Einsatz zeigt Toleranz als öffentliche Aufgabe – und seine eigenen Vorurteile zeigen ihre Grenzen.

2 Min. Lesezeit4 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt

Der französische Schriftsteller und Philosoph Voltaire wurde durch den Fall des Kaufmanns Jean Calas zum öffentlichen Anwalt der Toleranz – und an ihm lassen sich zugleich ihre Grenzen zeigen.

Aus einer goldenen Feder fliegen Blätter zu einem Kreis von Punkten, in dessen Mitte ein grauer Punkt einen Ring erhält – wie Voltaire.
Aus einer goldenen Feder fliegen Blätter zu einem Kreis von Punkten, in dessen Mitte ein grauer Punkt einen Ring erhält – wie Voltaire.

Ein Urteil aus Vorurteil

Situation
In der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober 1761 wurde Marc-Antoine, der Sohn des Protestanten Jean Calas, tot im Erdgeschoss des Familienhauses gefunden. Gerüchte besagten, der Vater habe ihn getötet, weil der Sohn katholisch werden wollte. Das Parlament von Toulouse verurteilte Calas; am 10. März 1762 starb der 64-Jährige auf dem Rad und beteuerte bis zuletzt seine Unschuld. Beweise fehlten; getrieben wurde die Hinrichtung vor allem von einer aufgebrachten Menge und dem Eifer einiger Richter.
Bezug zum Wert
Intoleranz sieht im Andersgläubigen von vornherein den Täter. Wo die Konfession zum Beweis wird, ist die Gerechtigkeit verloren.

Erst der Verdacht, dann die Recherche

Situation
Voltaire verdächtigte Calas zunächst selbst eines antikatholischen Fanatismus. Seine Nachforschungen zerstreuten den Verdacht; er kam zu dem Schluss, Marc-Antoine habe sich wegen Spielschulden und seines gescheiterten Studiums das Leben genommen, und setzte sich privat wie öffentlich dafür ein, das Urteil aufzuheben.
Bezug zum Wert
Toleranz beginnt beim Prüfen der eigenen Vorurteile. Voltaire änderte seine Meinung, als die Fakten es verlangten – und machte dann aus seiner neuen Überzeugung eine öffentliche Sache.

Eine Streitschrift für Europa

Situation
Bis zum 2. Januar 1763 schrieb Voltaire seinen Traktat über die Toleranz. Im April wurde er in Genf gedruckt und zunächst an ausgewählte Empfänger verschickt, darunter Madame de Pompadour und Friedrich den Großen. Ab Oktober kam er unter die Leute, wurde rasch verboten und fand trotzdem in Paris und in ganz Europa viele Leser. 1765 wurde Calas nachträglich rehabilitiert, die Familie erhielt vom König 36.000 Livres. Nach dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo 2015 wurde das Buch in Frankreich erneut zum Bestseller.
Bezug zum Wert
Toleranz braucht Stimmen, die sie einfordern. Voltaire nutzte die Medien seiner Zeit, um aus einem Einzelfall eine Grundsatzfrage zu machen.

Die andere Seite

Der berühmteste „Voltaire-Satz“ stammt nicht von ihm: „I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it“ schrieb 1906 seine Biografin Evelyn Beatrice Hall als Zusammenfassung seiner Haltung. Und Voltaires Toleranz hatte Grenzen: In seinem Dictionnaire philosophique portatif (1764) warf er den Juden Gier und Selbstsucht vor. Marco Piazza von der Universität Roma Tre hat Voltaires Verhältnis zu den Juden ein eigenes Buch gewidmet – mit dem Untertitel „or the Limits of Toleration“.

Das nimmst du mit

Was du daraus lernen kannst

  1. Vorurteile prüfenWenn du jemandem wegen seiner Zugehörigkeit das Schlimmste zutraust, prüf die Fakten, bevor du urteilst.
  2. Stimme erhebenToleranz heißt nicht nur, selbst niemanden auszugrenzen, sondern auch für Ausgegrenzte einzutreten.
  3. Blinde Flecken suchenFrag dich, welche Gruppe du selbst von deiner Toleranz ausnimmst.
Zurück zur Grundlage

Lies nach, was hinter Toleranz steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Überzeugungstreue.

Grundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung

Dein nächster Schritt

Werte leben – gemeinsam mit WEGVISOR

Lesen verändert das Denken. Anwenden verändert die Ergebnisse. Wähle, wie du weitermachen möchtest.

Platz in der Leadership Group anfragen

Wir melden uns mit den nächsten Terminen und allen Details.

Du kommst von: Wie Voltaire im Fall Calas die Toleranz zur öffentlichen Sache machte.