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S57Schwestertugend zu Schutz

Freiraum

„Ich lasse anderen Raum, selbst auszuprobieren und zu wachsen.“

Menschen Raum lassen, selbst auszuprobieren, zu entscheiden und auch zu scheitern – und dabei aushalten, dass es anders läuft, als du es gemacht hättest, weil Können und Selbstvertrauen nur wachsen, wo man sie üben darf.

Eine enge Hülle öffnet sich, und die Kleinen laufen golden hinaus, probieren, stolpern, stehen auf und wachsen. Zerstreuen sie sich immer weiter, fällt Hagel ungeschützt auf sie und einige gehen zu Boden – bis sich ein Bogen über sie spannt, an dem er abprallt, und sie darunter weiter frei laufen.
Kurz gesagt

Ich lasse anderen Raum, selbst auszuprobieren und zu wachsen.

Was Freiraum bedeutetMenschen Raum lassen, selbst auszuprobieren, zu entscheiden und auch zu scheitern – und dabei aushalten, dass es anders läuft, als du es gemacht hättest, weil Können und Selbstvertrauen nur wachsen, wo man sie üben darf.

Umfasst auchGestaltungsfreiheitAusprobieren lassen

Die Wertematrix

Freiraum im Gleichgewicht

Freiraum braucht Schutz als Gegengewicht. Zu viel Freiraum wird zu Vernachlässigung – der Weg zurück führt über Schutz.

In Balance

Begriffe erklärt

Schwestertugend S57

Freiraum

„Ich lasse anderen Raum, selbst auszuprobieren und zu wachsen.“

auch Spielraum, Entfaltungs­raum

Gemeint ist, Menschen eigene Wege, eigene Entscheidungen und auch eigene Fehler zu lassen – innerhalb von Grenzen, die nur das wirklich Gefährliche ausschließen. Anders als das Zutrauen, das eine Aufgabe samt Entscheidungsbefugnis überträgt, meint Freiraum den Raum zum Ausprobieren und Lernen selbst. Anders als die Eigenständigkeit ist er keine Haltung, die man für sich selbst einnimmt, sondern etwas, das man anderen gewährt. Anders als die Befähigung, die Menschen gezielt fördert und begleitet, meint Freiraum das bewusste Nicht-Eingreifen; und anders als das Loslassen gibt er niemanden ab, sondern bleibt in der Verantwortung. Hilfreich, weil Selbstständigkeit nur wächst, wo man sie üben darf.

In Balance mit: Schutz. Zu viel davon: Vernachlässigung. Verneint durch: Bevormundung.

Zielwert 57

Schutz

„Ich bewahre die, die mir anvertraut sind, vor Schaden.“

auch Bewahrung, Sicherheits­bewusstsein

Gemeint ist, Gefahren zu erkennen, verbindliche Sicherheitsregeln zu setzen und durchzusetzen und einzugreifen, wenn jemandem ernsthafter Schaden droht. Anders als bei der Fürsorge, die das Wohlergehen insgesamt im Blick hat, geht es hier um die Abwehr von Gefahren wie Unfällen, Übergriffen oder Ausbeutung. Anders als bei der Fehlerfreundlichkeit geht es nicht um ein Klima, in dem man Fehler zeigen darf, sondern um Fehler, die man gar nicht erst machen darf. Hilfreich, weil Menschen nur dort mutig lernen und arbeiten, wo sie vor echtem Schaden sicher sind.

In Balance mit: Freiraum. Zu viel davon: Bevormundung. Verneint durch: Vernachlässigung.

Zur Seite Schutz

Übertreibung von Freiraum

Vernachlässi­gung

„Mach, was du willst – ich halte mich raus.“

auch Laisser-faire, Im-Stich-Lassen

Verneinung des Schutzes und zugleich überzogener Freiraum. Grenzwertig, weil Menschen mit Gefahren, Konflikten und Überforderung allein bleiben, für die eigentlich die Führung zuständig wäre.

Übertreibung von: Freiraum. Verneinung von: Schutz. Entwicklungsrichtung: Schutz.

Übertreibung von Schutz

Bevormun­dung

„Ich entscheide, was für dich gut ist.“

auch Über­behü­tung, Über­vorsicht

Verneinung des Freiraums und zugleich überzogener Schutz. Grenzwertig, weil sie jedes Risiko ausschließen will und damit Selbstvertrauen und Urteilskraft der Geschützten verkümmern lässt.

Übertreibung von: Schutz. Verneinung von: Freiraum. Entwicklungsrichtung: Freiraum.

Vertiefung

Die Wertematrix im Detail

Sechs Themen zum Aufklappen – je nachdem, wie tief du einsteigen möchtest.

Die BegriffeFreiraum · Schutz · Vernachlässigung · Bevormundung

Schwestertugend

Freiraum

auch Spielraum · Entfaltungsraum

Gemeint ist, Menschen eigene Wege, eigene Entscheidungen und auch eigene Fehler zu lassen – innerhalb von Grenzen, die nur das wirklich Gefährliche ausschließen. Anders als das Zutrauen, das eine Aufgabe samt Entscheidungsbefugnis überträgt, meint Freiraum den Raum zum Ausprobieren und Lernen selbst. Anders als die Eigenständigkeit ist er keine Haltung, die man für sich selbst einnimmt, sondern etwas, das man anderen gewährt. Anders als die Befähigung, die Menschen gezielt fördert und begleitet, meint Freiraum das bewusste Nicht-Eingreifen; und anders als das Loslassen gibt er niemanden ab, sondern bleibt in der Verantwortung. Hilfreich, weil Selbstständigkeit nur wächst, wo man sie üben darf.

Zielwert

Schutz

auch Bewahrung · Sicherheitsbewusstsein

Gemeint ist, Gefahren zu erkennen, verbindliche Sicherheitsregeln zu setzen und durchzusetzen und einzugreifen, wenn jemandem ernsthafter Schaden droht. Anders als bei der Fürsorge, die das Wohlergehen insgesamt im Blick hat, geht es hier um die Abwehr von Gefahren wie Unfällen, Übergriffen oder Ausbeutung. Anders als bei der Fehlerfreundlichkeit geht es nicht um ein Klima, in dem man Fehler zeigen darf, sondern um Fehler, die man gar nicht erst machen darf. Hilfreich, weil Menschen nur dort mutig lernen und arbeiten, wo sie vor echtem Schaden sicher sind.

Übertreibung von Freiraum

Vernach­lässigung

auch Laisser-faire · Im-Stich-Lassen

Verneinung des Schutzes und zugleich überzogener Freiraum. Grenzwertig, weil Menschen mit Gefahren, Konflikten und Überforderung allein bleiben, für die eigentlich die Führung zuständig wäre.

Der Weg heraus: Richtung Schutz

Übertreibung von Schutz

Bevor­mundung

auch Überbehütung · Übervorsicht

Verneinung des Freiraums und zugleich überzogener Schutz. Grenzwertig, weil sie jedes Risiko ausschließen will und damit Selbstvertrauen und Urteilskraft der Geschützten verkümmern lässt.

Der Weg heraus: Richtung Freiraum

Die ÜbertreibungWann Vernachlässigung sinnvoll sein kann – und woran man den Unterschied erkennt

Die Übertreibung des Freiraums heißt Vernachlässigung (auch: Laisser-faire, Im-Stich-Lassen). Im Führungsalltag schadet sie meist – in manchen Lagen ist sie aber angemessen:

Wirtschaft

Eine Woche vor der Gesellenprüfung lässt eine Ausbilderin ihren Lehrling das Prüfungsstück zur Probe völlig allein bauen. Sie sieht, wie er sich in der Reihenfolge der Arbeitsschritte verrennt, und sagt nichts, gibt keinen Tipp und verlässt sogar die Werkstatt. In der Prüfung wird er auch niemanden fragen können – genau das soll er jetzt erleben.

Bildung

In einem Jugendcamp verbringen die Teilnehmenden nach gründlicher Vorbereitung eine Solo-Nacht: jede und jeder allein mit Schlafsack am Waldrand, ohne Handy und ohne Betreuer in Sichtweite. Ein Notsignal ist vereinbart, doch bis zum Morgen schaut niemand vorbei. Gerade dass keiner nach dem Rechten sieht, macht die Erfahrung aus.

Woran man den Unterschied erkennt

Bewusstes Heraushalten trägt, wenn es gewählt und begrenzt ist und gerade die Abwesenheit der Führung der Zweck ist – in einer Prüfung oder bei einer Übung für den Ernstfall. Es wird zur Vernachlässigung, sobald Menschen mit Gefahren allein bleiben, die sie weder überblicken noch tragen können, und sich niemand mehr für sie zuständig fühlt.

Der Alltag5 Szenen aus dem Alltag: Wirtschaft · Politik & Staat · Medien · Glaube & Kirche · Kunst, Kultur & Sport
Die HerkunftAltes Testament · Neues Testament · Forschung

Dass Freiraum Schutz als Gegengewicht braucht, ist keine neue Idee. Diese Stationen zeigen, wo Menschen das schon lange vor uns beschrieben haben – von den ältesten Quellen bis heute.

Weitere Quellen zu diesem Wertepaar stehen auf der Seite Schutz. Wilhelm von Humboldt (in seiner Anfang der 1790er-Jahre geschriebenen, erst nach seinem Tod vollständig erschienenen Schrift über die Grenzen der Wirksamkeit des Staates nennt er als wahren Zweck des Menschen „die höchste und proportionierlichste Bildung seiner Kräfte zu einem Ganzen“; dazu sei „Freiheit die erste und unerlässliche Bedingung“, Friedrich-Naumann-Stiftung; den Eingriff des Staates rechtfertigt wie später bei Mill nur der Schutz anderer vor Schaden, und Mill stellte Über die Freiheit einen Satz Humboldts als Motto voran, Wikipedia: The Limits of State Action).

  1. 10.–2. Jh. v. Chr.
    Altes Testament
    Psalm 31,9

    „… und übergibst mich nicht in die Hände des Feindes; du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ Bewahrung und Weite stehen im selben Vers: Gott schützt, um Raum zu geben.

  2. 1. Jh.
    Neues Testament
    Galater 4,1–2

    „Solange der Erbe unmündig ist, so ist zwischen ihm und einem Knecht kein Unterschied … sondern er ist unter den Vormündern und Pflegern bis auf die Zeit, die der Vater bestimmt hat.“ Paulus nutzt das Bild, um von der Freiheit der Glaubenden zu sprechen; es zeigt nebenbei, dass Vormundschaft eine Zeit hat, die endet.

    Galater 5,13

    „Ihr aber, liebe Brüder, seid zur Freiheit berufen! Allein sehet zu, dass ihr durch die Freiheit dem Fleisch nicht Raum gebet; sondern durch die Liebe diene einer dem andern.“ Freiheit ist kein Selbstzweck, sondern Raum für Verantwortung.

  3. 1926–2016
    Wertematrix
    Hartmann · Helwig · Schulz von Thun · WEGVISOR

    Nicolai Hartmann legt 1926 den Grundgedanken, Paul Helwig gibt dem Wertequadrat seine Gestalt, Friedemann Schulz von Thun macht es 1989 als Werte- und Entwicklungsquadrat bekannt, WEGVISOR entwickelt daraus 2016 die Wertematrix für Führung.

    Zur Geschichte der Wertematrix
  4. 2024
    Forschung
    Jonathan Haidt

    In The Anxious Generation, 2024, rät er Eltern, weniger überbehütend zu sein und Kindern mehr Zeit ohne Aufsicht zu lassen, und Schulen, mehr Pause und riskantes Spiel zu ermöglichen – zugleich fordert er mehr Schutz im Netz, etwa die Altersgrenze des US-Kinderdatenschutzes im Internet von 13 auf 16 Jahre anzuheben; Kritikerinnen wie Candice Odgers halten die Belege für nicht eindeutig, Wikipedia: The Anxious Generation

Die Forschung3 Studien, davon 1 Metaanalyse · 2007–2018
3 Studiendavon 1 Metaanalyse2007–2018 Zeitraum
  1. 2018
    Metaanalyse72 Studien32.870 Beschäftigte

    Eine Metaanalyse über 72 Studien mit 83 Stichproben und 32.870 Beschäftigten fand: Unterstützen Führungskräfte die Autonomie ihrer Mitarbeitenden, hängt das stark mit einer Arbeitsmotivation zusammen, die von innen kommt, außerdem mit erfüllten psychologischen Grundbedürfnissen, Wohlbefinden und positivem Arbeitsverhalten – und mit weniger Belastung; mit Motivation durch Druck und Kontrolle hing es nicht zusammen.

    Slemp, Kern, Patrick & Ryan, 2018
  2. 2015
    Überblick

    Für Kinder kam eine systematische Übersicht über 21 Arbeiten zu dem Schluss, dass riskantes Spiel im Freien – etwa unbeaufsichtigt unterwegs sein, in die Höhe klettern oder raufen – insgesamt positive Wirkungen auf die Gesundheit hat, am häufigsten auf die körperliche Aktivität, aber auch auf soziale Gesundheit und Verhalten; die Autorinnen und Autoren fordern zugleich mehr Studien guter Qualität.

    Brussoni et al., 2015
  3. 2007
    Befragung2.273 Beschäftigte

    Die Kehrseite zeigt eine Befragung von 2.273 Beschäftigten in Norwegen: Laisser-faire-Führung ging mit Rollenkonflikten, unklaren Rollen und Konflikten unter Kollegen einher und hing über diese Belastungen mit Mobbing und psychischer Belastung zusammen – die Autoren werten sie als destruktives Führungsverhalten. Freiraum heißt also nicht, sich herauszuhalten, sondern Raum zu geben und ansprechbar zu bleiben.

    Skogstad, Einarsen, Torsheim, Aasland & Hetland, 2007
Die FragenYOUR HEART · 3 Fragen an dich
  1. Wo greifst du ein, bevor jemand überhaupt die Chance hatte, es selbst zu schaffen?
  2. Welchen Fehler dürfte dein Team ruhig machen, weil er verkraftbar und lehrreich wäre?
  3. Und wo nennst du es Freiraum, wenn du in Wahrheit nur keine Zeit für die Menschen hast?

Nimm dir Zeit für eine Frage. Schreib die Antwort auf – oder sprich mit jemandem darüber, dem du vertraust.

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Welche Werte tragen deine Führung?

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Wertewappen

Freiraum im Wappen

Farbe im Wappen: Grün

  • SymbolOffenes Weidegatter

    Ein offenes Weidegatter trennt Hof und Weide, ohne die Tiere einzusperren: Sie können hinaus, Futter suchen und zurückkommen. Es steht für deine Führung, wenn dein Schutz ein offenes Tor hat und Menschen hinausgehen, eigene Wege suchen und wiederkommen dürfen.

  • oder als AlternativeAuffliegende Lerche

    Die Lerche steigt vom Acker aus singend steil in den Himmel auf und braucht dafür nichts als offenen Raum. Wählst du sie, zeigt dein Wappen, dass du anderen Raum gibst, sich zu erheben und ihre eigene Stimme zu finden.

Drei bis sieben Kernwerte, jeder mit seinem Symbol: daraus entsteht dein persönliches Wappen – mit Wahlspruch und ausführlichem Report.

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Grundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung

Häufige Fragen

Fragen zu Freiraum

Was bedeutet Freiraum?

Menschen Raum lassen, selbst auszuprobieren, zu entscheiden und auch zu scheitern – und dabei aushalten, dass es anders läuft, als du es gemacht hättest, weil Können und Selbstvertrauen nur wachsen, wo man sie üben darf. Der Ich-Satz dazu: „Ich lasse anderen Raum, selbst auszuprobieren und zu wachsen.“

Zu welchem Zielwert gehört Freiraum?

Freiraum ist die Schwestertugend zu Schutz (57). Zum Zielwert: Gemeint ist, Gefahren zu erkennen, verbindliche Sicherheitsregeln zu setzen und durchzusetzen und einzugreifen, wenn jemandem ernsthafter Schaden droht. Anders als bei der Fürsorge, die das Wohlergehen insgesamt im Blick hat, geht es hier um die Abwehr von Gefahren wie Unfällen, Übergriffen oder Ausbeutung. Anders als bei der Fehlerfreundlichkeit geht es nicht um ein Klima, in dem man Fehler zeigen darf, sondern um Fehler, die man gar nicht erst machen darf. Hilfreich, weil Menschen nur dort mutig lernen und arbeiten, wo sie vor echtem Schaden sicher sind.

Was ist die Übertreibung von Freiraum?

Vernachlässigung (auch: Laisser-faire, Im-Stich-Lassen). Verneinung des Schutzes und zugleich überzogener Freiraum. Grenzwertig, weil Menschen mit Gefahren, Konflikten und Überforderung allein bleiben, für die eigentlich die Führung zuständig wäre.

Wann ist die Übertreibung sinnvoll?

Bewusstes Heraushalten trägt, wenn es gewählt und begrenzt ist und gerade die Abwesenheit der Führung der Zweck ist – in einer Prüfung oder bei einer Übung für den Ernstfall. Es wird zur Vernachlässigung, sobald Menschen mit Gefahren allein bleiben, die sie weder überblicken noch tragen können, und sich niemand mehr für sie zuständig fühlt.

Was sagt die Forschung zu Freiraum?

Eine Metaanalyse über 72 Studien mit 83 Stichproben und 32.870 Beschäftigten fand: Unterstützen Führungskräfte die Autonomie ihrer Mitarbeitenden, hängt das stark mit einer Arbeitsmotivation zusammen, die von innen kommt, außerdem mit erfüllten psychologischen Grundbedürfnissen, Wohlbefinden und positivem Arbeitsverhalten – und mit weniger Belastung; mit Motivation durch Druck und Kontrolle hing es nicht zusammen (Sl …

Welche Beispiele gibt es für Freiraum?

Zum Beispiel: Janusz Korczak (Waisenhaus Dom Sierot, Warschau), Lenore Skenazy (Free-Range Kids).

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