Wie Jackie Stewart die Formel 1 sicherer machte und dafür verspottet wurde
Nach einem schweren Unfall 1966 kämpfte der Rennfahrer Jackie Stewart jahrelang für Leitplanken, Helme, Gurte und Ärzte an der Strecke – gegen den Spott von Kollegen und Presse.
Kleine Punkte spielen auf offenem Grund; als Hagel fällt, spannt sich ein goldener Bogen über sie, und alles prallt an ihm ab. Schließt sich der Bogen zur engen Kugel, drängen sich die Kleinen zusammen und werden still und matt – bis er sich weit und hoch öffnet und sie darunter frei laufen und wachsen.
Kurz gesagt
Nach einem schweren Unfall 1966 kämpfte der Rennfahrer Jackie Stewart jahrelang für Leitplanken, Helme, Gurte und Ärzte an der Strecke – gegen den Spott von Kollegen und Presse. Sein Beispiel zeigt, dass Schutz manchmal heißt, sich gegen eine ganze Kultur zu stellen.
3 Min. Lesezeit4 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt
Der Schotte Jackie Stewart gewann in der Formel 1 drei Weltmeistertitel und 27 Rennen. Zu seiner Zeit war der Sport lebensgefährlich: Nach Darstellung der Formel 1 lag die Wahrscheinlichkeit, dass ein Fahrer, der fünf Jahre lang Rennen fuhr, dabei ums Leben kam, in einer besonders tödlichen Phase bei zwei zu drei. Seine Frau Helen zählte später 57 Freunde, die in Rennwagen gestorben waren – nicht alle in der Formel 1.
Eine kurvige Rennstrecke, an ihrem Außenrand zieht sich eine goldene Leitplanke – wie Jackie Stewart, der die Formel 1 sicherer machte.
01
Im Graben von Spa
Situation
Beim Großen Preis von Belgien 1966 schickte ein plötzlicher Regenschauer in der ersten Runde die Hälfte des Feldes von der Strecke. Stewart landete in einem Graben, eingeklemmt in seinem zerknautschten BRM, ringsum lief Benzin aus. Streckenposten gab es in der Nähe keine; die Fahrer Graham Hill und Bob Bondurant befreiten ihn. Der alte Krankenwagen verfuhr sich auf dem Weg ins Krankenhaus, und im medizinischen Zentrum der Strecke lag er nach dem Bericht von Motor Sport auf einer Segeltuchtrage auf einem schmutzigen Boden voller Zigarettenkippen. Er hatte, wie er später sagte, nur ein gebrochenes Schlüsselbein.
Bezug zum Wert
Schutz beginnt oft mit der eigenen Erfahrung von Schutzlosigkeit. Stewart sah, dass für den Ernstfall niemand zuständig war – und machte das zu seiner Sache.
02
Vom Schraubenschlüssel zum Rennarzt
Situation
Seitdem fuhr Stewart mit einem Schraubenschlüssel, der ans Lenkrad geklebt war, und brachte einen eigenen Arzt, einen Anästhesisten, mit zu den Rennen. Er drängte auf Leitplanken, größere Auslaufzonen – auch zum Schutz der Zuschauer –, Pflicht-Overalls aus feuerfestem Material, Integralhelme und Sicherheitsgurte und half, einen medizinischen Dienst aufzubauen, der mit zu den Rennen reiste. Wo Strecken nicht nachbesserten, setzte er auf Boykott: Im Juni 1970 stimmte die Fahrervereinigung GPDA auf sein Drängen mit sieben zu zwei Stimmen bei zwei Enthaltungen dafür, den Nürburgring zu meiden. Der Große Preis von Deutschland wurde kurzfristig nach Hockenheim verlegt, das bereits Leitplanken hatte; 1971 kehrte die Formel 1 an einen umgebauten Nürburgring zurück.
Bezug zum Wert
Schutz heißt, Regeln und Rahmen zu schaffen, die nicht vom Glück oder der Vorsicht Einzelner abhängen – und sie notfalls auch gegen Veranstalter durchzusetzen.
03
„Keinen Mumm“
Situation
Medien und sogar einige Fahrer warfen Stewart vor, er nehme dem Sport die Romantik und das Spektakel. „They said I had no guts“, erinnerte er sich. Innes Ireland machte in der Boxengasse Hühnergeräusche in seine Richtung. Stewart hielt dagegen: „But not many of these critics had ever crashed at 150 miles an hour.“
Bezug zum Wert
Wer schützt, wird schnell als ängstlich hingestellt. Stewart zeigte, dass Schutz kein Mangel an Mut ist – es braucht Mut, sich gegen eine Kultur zu stellen, in der die Gefahr als Teil des Reizes gilt.
04
Die andere Seite
Auch Stewart musste erst umdenken: Sicherheitsgurte hielt er anfangs nach eigenen Worten für unnötig und unbequem; manche Fahrer fürchteten, angeschnallt in einem brennenden Auto gefangen zu sein. Und für viele kam der Schutz zu spät. 1970 starben seine engen Freunde Piers Courage und Jochen Rindt. 1973 verunglückte sein Teamkollege François Cevert im Training in Watkins Glen tödlich – vor dem Rennen, das Stewarts letztes und sein 100. Grand Prix werden sollte. Das Team zog sich zurück, Stewart beendete mit 34 Jahren seine Karriere.
Das nimmst du mit
Was du daraus lernen kannst
01
Lücken benennenFrag nach jedem Beinahe-Unfall, wer im Ernstfall eigentlich zuständig gewesen wäre.
02
Rahmen statt AppelleVerlass dich nicht auf die Vorsicht Einzelner, sondern schaffe Regeln, Ausrüstung und Abläufe, die alle schützen.
03
Spott aushaltenRechne damit, dass Schutz als Schwäche ausgelegt wird – und bleib trotzdem dabei.
Grundlage: WEGVISOR-Ergänzung (2026) zu den Werten aus dem Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung
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