Ein Stoß zerreißt den goldenen Faden zwischen zwei Kreisen, er wird neu geknüpft. Wird jeder weitere Stoß nur still verknotet, drängt der eine den anderen an den Rand – bis eine klare Linie ihn zurückweist und der geknüpfte Faden bleibt.
Kurz gesagt
Nach einem Amoklauf in einer amischen Schule wandte sich die Gemeinde noch am selben Tag der Familie des Täters zu. Vergebung hieß hier nicht, das Unrecht kleinzureden, sondern den Groll loszulassen.
1 Min. Lesezeit3 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt
Am 2. Oktober 2006 drang der 32-jährige Milchtankwagenfahrer Charles Carl Roberts IV in die einklassige Amisch-Schule von West Nickel Mines in Pennsylvania ein. Er ließ die Jungen und einige Erwachsene gehen, verbarrikadierte sich und schoss auf zehn Mädchen zwischen sechs und 13 Jahren, dann tötete er sich selbst. Fünf Mädchen starben am Tag der Tat, ein sechstes 2024 an den Folgen ihrer Verletzungen. Was die Gemeinde danach tat, ist ein seltenes Beispiel für Vergebungsbereitschaft.
Aus einem Kreis von Punkten reicht eine goldene Linie hinaus zu einer kleinen Gruppe – wie die Amischen von Nickel Mines.
01
Noch am selben Tag
Situation
Ein Großvater eines der Opfer sagte zu Angehörigen: „We must not think evil of this man.“ Wenige Stunden nach der Tat tröstete ein amischer Nachbar die Familie des Täters und sprach ihr Vergebung zu. Ein amischer Mann hielt den schluchzenden Vater des Täters bis zu einer Stunde lang im Arm.
Bezug zum Wert
Vergebung kam hier vor jeder Aufarbeitung – nicht als Ergebnis, sondern als Haltung.
02
Taten statt Worte
Situation
Rund 30 Amische kamen zur Beerdigung des Täters. Seine Witwe Marie Roberts gehörte zu den wenigen Außenstehenden, die zur Beerdigung eines Opfers eingeladen wurden. Die Amischen richteten auch einen Hilfsfonds für die Familie des Täters ein. Marie Roberts dankte in einem offenen Brief: „Your love for our family has helped to provide the healing we so desperately need.“
Bezug zum Wert
Die Gemeinde trennte die Schuld des Täters von seinen Angehörigen und half beiden Seiten.
03
Die andere Seite
Manche Kommentatoren kritisierten, Vergebung ohne Reue des Täters sei unangemessen und leugne das Böse. Der Forscher Donald Kraybill und zwei Kollegen erklärten dagegen: Für die Amischen heißt Vergebung nicht, das Unrecht zu löschen, sondern den Groll loszulassen – ein erster Schritt in eine hoffnungsvollere Zukunft.
Das nimmst du mit
Was du daraus lernen kannst
01
Groll loslassenVergebung entlastet zuerst den, der vergibt.
02
UnterscheidenTrenne die Tat von denen, die nur mit dem Täter verbunden sind.
03
Unrecht benennenVergeben heißt nicht, das Geschehene gutzuheißen.
Lies nach, was hinter Vergebungsbereitschaft steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Konsequenz.
Grundlage: das Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter (2016) · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung
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