Wie Fritz Bauer die Verbrechen von Auschwitz vor Gericht brachte
Der hessische Generalstaatsanwalt setzte gegen massive Widerstände durch, dass die Verbrechen in Auschwitz vor einem deutschen Gericht verhandelt wurden.
Eine goldene Linie gleitet unter eine ungleiche Reihe und gibt allen dasselbe Maß. Strauchelt einer, bleibt sie starr und die Reihe schließt sich über ihm – bis ein weicher Bogen sich hinabsenkt und ihn an seinen Platz zurückträgt.
Kurz gesagt
Der hessische Generalstaatsanwalt setzte gegen massive Widerstände durch, dass die Verbrechen in Auschwitz vor einem deutschen Gericht verhandelt wurden. Gerechtigkeit hieß für ihn, Taten öffentlich zu benennen – auch wenn viele Strafen am Ende milde ausfielen.
2 Min. Lesezeit4 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt
Fritz Bauer, jüdischer Sozialdemokrat, wurde im März 1933 verhaftet und rund acht Monate in den Lagern Heuberg und Oberer Kuhberg festgehalten. 1936 floh er nach Dänemark, 1943 weiter nach Schweden. Nach dem Krieg kehrte er in die deutsche Justiz zurück; von 1956 bis zu seinem Tod 1968 war er Generalstaatsanwalt in Hessen. Sein Lebenswerk zeigt, wie viel Beharrlichkeit Gerechtigkeit verlangen kann.
Ein goldener Lichtkegel fällt in einen dunklen Kasten und macht verborgene Punkte sichtbar – wie Fritz Bauer, der Auschwitz vor Gericht brachte.
01
Ein Unrechtsstaat ist kein Rechtsstaat
Situation
Schon 1952 vertrat Bauer als Staatsanwalt in Braunschweig im Prozess gegen Otto Ernst Remer die Anklage. Er argumentierte: „Ein Unrechtsstaat, der täglich Zehntausende Morde begeht, berechtigt jedermann zur Notwehr.“ Das Gericht folgte ihm; die Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 wurden damit rehabilitiert.
Bezug zum Wert
Gerechtigkeit beginnt mit klaren Begriffen. Bauer bestand darauf, Unrecht als Unrecht zu benennen – auch wenn es formal Gesetz gewesen war.
02
Der Weg nach Frankfurt
Situation
Bauer wurde zur treibenden Kraft bei der Vorbereitung des Auschwitz-Prozesses. Er bat den Generalbundesanwalt, den Bundesgerichtshof über die Zuständigkeit entscheiden zu lassen; im April 1959 bestimmte der BGH das Landgericht Frankfurt am Main. Der Prozess begann am 20. Dezember 1963 und endete nach 183 Verhandlungstagen im August 1965. 359 Zeugen wurden gehört. Sechs Angeklagte erhielten lebenslange Haftstrafen, zehn zeitlich begrenzte Strafen, drei wurden freigesprochen.
Bezug zum Wert
Ohne seine Hartnäckigkeit hätte es die Prozesse wahrscheinlich nicht gegeben. Gerechtigkeit braucht Menschen, die bereit sind, das Verfahren überhaupt in Gang zu setzen.
03
Allein in der eigenen Behörde
Situation
Bauer arbeitete in einer Justiz, in der viele Juristen schon der NS-Diktatur gedient hatten; breite Teile der Gesellschaft lehnten die Prozesse ab. Medien zitierten ihn mit dem Satz: „Wenn ich mein [Dienst-]Zimmer verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“
Bezug zum Wert
Gerechtigkeit kann einsam machen. Bauer hielt an ihr fest, obwohl er kaum Rückhalt hatte.
04
Die andere Seite
Viele Strafen fielen milde aus, weil die Gerichte für jeden Mord den Nachweis einer konkreten Tötung verlangten. Zugleich zeigt Bauers Denken, dass Gerechtigkeit für ihn nicht Vergeltung hieß: In seinem Hauptwerk plädierte er für ein Strafrecht, das auf Resozialisierung und Schutz statt auf Strafe setzt.
Das nimmst du mit
Was du daraus lernen kannst
01
Unrecht benennenGerechtigkeit beginnt damit, Dinge beim Namen zu nennen.
02
Verfahren in Gang setzenWarte nicht, bis andere handeln – schaffe die Strukturen, in denen Gerechtigkeit möglich wird.
03
Gegenwind aushaltenWer für Gerechtigkeit eintritt, macht sich nicht nur Freunde.
Lies nach, was hinter Gerechtigkeit steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Barmherzigkeit.
Grundlage: das Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter (2016) · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung
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