Einer aus der Reihe fällt unter die Linie, ein goldener Bogen senkt sich zu ihm und trägt ihn zurück. Biegen sich die Bögen bald hier, bald dort, wird die Reihe willkürlich zerrissen – bis eine gerade Linie allen wieder dasselbe Maß gibt.
Kurz gesagt
1981 wurde Johannes Paul II. auf dem Petersplatz angeschossen. Zweieinhalb Jahre später besuchte er den Täter im Gefängnis und sprach ihm persönlich seine Vergebung zu. Barmherzigkeit zeigt sich hier als Zuwendung zu dem, der einem selbst Schaden zugefügt hat.
1 Min. Lesezeit3 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt
Papst Johannes Paul II. wurde am 13. Mai 1981 zu Beginn einer Generalaudienz auf dem Petersplatz von Mehmet Ali Ağca angeschossen und musste im Gemelli-Krankenhaus zweimal operiert werden. Ağca, Mitglied der rechtsextremen „Grauen Wölfe“, wurde im Juli 1981 zu lebenslanger Haft verurteilt. Wie der Papst auf das Attentat reagierte, zeigt, was Barmherzigkeit konkret bedeuten kann.
Hinter Gitterstäben sitzen sich zwei Punkte nah gegenüber, zwischen ihnen ein goldenes Leuchten – wie Johannes Paul II. bei seinem Attentäter.
01
Vergebung vom Krankenbett
Situation
Vier Tage nach dem Attentat erklärte der Papst während des sonntäglichen Angelusgebets, das aus dem Krankenhaus übertragen wurde, dass er dem Attentäter vergebe. Er bat darum, für „meinen Bruder“ zu beten, dem er aufrichtig vergeben habe.
Bezug zum Wert
Barmherzigkeit wartet nicht darauf, dass der andere um Vergebung bittet. Der Papst nannte den Mann, der ihn töten wollte, seinen Bruder.
02
Der Besuch in der Zelle
Situation
Am 27. Dezember 1983 besuchte Johannes Paul II. Ağca im römischen Gefängnis Rebibbia. Die beiden sprachen unter vier Augen miteinander; der Papst sprach ihm dabei persönlich seine Vergebung zu. Was genau gesagt wurde, blieb privat. Ağca behauptete später in seinen Memoiren, er habe dem Papst gesagt, Ayatollah Khomeini habe das Attentat befohlen; der Vatikan wies das als Lüge zurück.
Bezug zum Wert
Barmherzigkeit sucht die Begegnung. Ein öffentliches Wort ist das eine – sich dem Täter von Angesicht zu Angesicht zuzuwenden, ist mehr.
03
Die andere Seite
Vergebung hob die Strafe nicht auf: Ağca blieb in Haft. Erst im Juni 2000 begnadigte ihn Italiens Präsident Carlo Azeglio Ciampi, auf Bitten des Papstes; Ağca wurde an die Türkei ausgeliefert, wo er eine Strafe für den Mord an einem Journalisten von 1979 verbüßen sollte. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit standen hier nebeneinander, statt sich aufzuheben.
Das nimmst du mit
Was du daraus lernen kannst
01
Vergeben ist ein Schritt auf den anderen zuWarte nicht, bis der andere den ersten Schritt macht.
02
Persönlich werdenWo es möglich ist, sprich Vergebung direkt aus.
03
Vergebung heißt nicht FolgenlosigkeitDu kannst einem Menschen vergeben und trotzdem Konsequenzen bestehen lassen.
Lies nach, was hinter Barmherzigkeit steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Gerechtigkeit.
Grundlage: das Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter (2016) · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung
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