Ein Gefäß mit durchlässiger goldener Wand: Was darin liegt, ist von allen Seiten zu sehen. Öffnet es sich ganz, fliegt das Anvertraute davon – bis eine tragende Schale es wieder sammelt und die goldene Wand sich darüber schließt.
Kurz gesagt
Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs schrieb 2010 an rund 600 ehemalige Schüler, machte Missbrauch an seiner Schule öffentlich und bat die Opfer um Entschuldigung. Transparenz heißt hier: das Ansehen der eigenen Institution nicht über die Wahrheit zu stellen.
1 Min. Lesezeit3 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt
Klaus Mertes ist Jesuit und war von 2000 bis 2011 Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin. Nachdem sich ihm mehrere ehemalige Schüler als Opfer sexuellen Missbrauchs anvertraut hatten, entschied er sich, nicht intern zu bleiben. Sein Schritt zeigt, was Transparenz einer Führungskraft abverlangt.
Ein Brief mit goldenem Siegel, aus dem viele kleine Briefe in die Weite gehen – wie Pater Klaus Mertes, der das Schweigen brach.
01
Ein Brief an 600 Ehemalige
Situation
Am 19. Januar 2010 schrieb Mertes an rund 600 Angehörige der betroffenen Jahrgänge aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Er wolle dazu beitragen, „dass das Schweigen gebrochen wird“, hieß es darin. Und: „In tiefer Erschütterung und Scham wiederhole ich zugleich meine Entschuldigung gegenüber allen Opfern.“
Bezug zum Wert
Transparenz bedeutet, Informationen nicht zurückzuhalten, nur weil sie der eigenen Organisation schaden. Mertes wandte sich an alle, die betroffen sein konnten – nicht nur an die, die sich schon gemeldet hatten.
02
Was der Brief auslöste
Situation
Am 28. Januar 2010 wurden der Brief und erste Fälle über Berliner Medien öffentlich. Danach meldeten sich in ganz Deutschland weitere Betroffene, auch aus Schulen außerhalb des Jesuitenordens; ältere Fälle wie an der Odenwaldschule wurden neu aufgegriffen. Eine vom Orden beauftragte Anwältin legte Ende Mai 2010 einen Bericht mit 205 Meldungen zu jesuitischen Einrichtungen vor.
Bezug zum Wert
Ein offenes Wort kann eine ganze Kultur des Verschweigens aufbrechen. Bischof Stephan Ackermann dankte Mertes später, er habe „eine Tür geöffnet“.
03
Die andere Seite
Mertes wurde gefragt, ob sein Vorgehen die Unschuldsvermutung verletze. Seine Antwort: „Die Opfer brauchen ein Grundvertrauen, mit dem wir ihnen entgegenkommen, nicht umgekehrt.“ Kirchliche Ehrungen blieben aus; einmal sorgte eine Bistumsleitung dafür, dass er von einer Veranstaltung wieder ausgeladen wurde. Staatliche Anerkennung kam dagegen, etwa 2021 das Bundesverdienstkreuz.
Das nimmst du mit
Was du daraus lernen kannst
01
Opfer vor InstitutionWenn Menschen zu Schaden gekommen sind, hat ihre Sicht Vorrang vor dem Ruf deiner Organisation.
02
Aktiv informierenWarte nicht, bis alles herauskommt – geh selbst auf die Betroffenen zu.
03
Mit Gegenwind rechnenTransparenz kann dich in den eigenen Reihen Rückhalt kosten.
Lies nach, was hinter Transparenz steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Vertrauenswürdigkeit.
Grundlage: das Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter (2016) · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung
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Wert und Schwester – aus den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft.