Ein goldener Ring öffnet ein Tor, nimmt Kritik herein, prüft sie, fügt das Brauchbare in sich ein und schickt einen Funken Dank zurück. Reißt er das Tor ganz auf, zerfällt er unter dem Ansturm – bis ein fester Kern in seiner Mitte ihn wieder sammelt.
Kurz gesagt
Eine der angesehensten Chemikerinnen der Welt zieht einen Artikel aus ihrem Labor zurück und entschuldigt sich öffentlich. Kritikfähigkeit zeigt sich hier als Bereitschaft, einen eigenen Fehler offen zu benennen – auch auf dem Höhepunkt der Karriere.
1 Min. Lesezeit3 AbschnitteSituationBezug zum Wert
Inhalt
Frances Arnold, Chemikerin am California Institute of Technology (Caltech), erhielt 2018 den Nobelpreis für Chemie. Anfang 2020 gab sie auf Twitter bekannt, dass ihre Forschungsgruppe einen Artikel zurückzieht, der im Vorjahr in der Fachzeitschrift Science erschienen war. Die Art, wie sie das tat, machte den Fall zu einem Lehrstück.
Ein golden umrandetes Blatt wird aus dem Stapel zurückgezogen – wie Frances Arnold, die einen eigenen Fachartikel zurückzog.
01
Ergebnisse, die sich nicht bestätigen ließen
Situation
Der Artikel befasste sich mit der Herstellung sogenannter Beta-Lactame mithilfe von Enzymen. Er legte nahe, dass sich Enzyme aus dem Bakterium E. coli so weiterentwickeln lassen, dass sie steuern, wo ihre chemischen Reaktionen stattfinden. Als das Experiment wiederholt wurde, zeigten die Enzyme nicht die beschriebenen Aktivitäten und Selektivitäten. Mit der Forschung, für die Arnold den Nobelpreis erhalten hatte, hing die Arbeit nicht direkt zusammen.
Bezug zum Wert
Arnold verteidigte die Ergebnisse nicht, als sie sich nicht reproduzieren ließen. Sie akzeptierte, dass die Prüfung durch Wiederholung stärker zählt als der eigene Ruf.
02
Ein öffentliches Eingeständnis
Situation
Arnold schrieb: „It is painful to admit, but important to do so. I apologize to all.“ Und weiter: „I was a bit busy when this was submitted, and did not do my job well.“
Bezug zum Wert
Sie benannte ihren eigenen Anteil, statt die Verantwortung bei anderen im Labor abzuladen. Gerade als Nobelpreisträgerin setzte sie damit ein Zeichen, dass Fehler zur Wissenschaft gehören.
03
Die andere Seite
Arnolds Eingeständnis blieb nüchtern und kurz: Fehler benennen, Ursache nennen, sich entschuldigen, korrigieren. Darin liegt die Verbindung zur Selbstachtung – Kritikfähigkeit heißt nicht, sich selbst zu zerfleischen, sondern Verantwortung zu übernehmen und weiterzuarbeiten.
Das nimmst du mit
Was du daraus lernen kannst
01
Korrigier dich selbst, bevor es andere tunWer eigene Fehler offenlegt, stärkt das Vertrauen in seine übrige Arbeit.
02
Nenn deinen eigenen AnteilEine Entschuldigung wirkt, wenn sie konkret sagt, was du falsch gemacht hast.
03
Bleib sachlichEin Fehler ist ein Anlass zur Korrektur, kein Urteil über deinen ganzen Wert.
Lies nach, was hinter Kritikfähigkeit steckt – mit Wertematrix, Übertreibung, Forschung und Fragen zur Reflexion. Und schau dir die Schwester an: Selbstachtung.
Grundlage: das Buch WORK HEARTER von Titus Lindl und Tim Walter (2016) · Wertematrix nach dem Werte- und Entwicklungsquadrat von Friedemann Schulz von Thun · Mehr zum Ursprung
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